Eine verpasste Chance: Deutschland erkennt den Genozid in Namibia an

Sechs Jahre lang hat Deutschland mit Namibia verhandelt, um ein Abkommen zur Beilegung des aus dem Völkermord der deutschen Kolonialtruppen an den Herero und Nama zu erzielen. Die Einigung, die am 28. Mai von Außenminister Heiko Maas verkündet wurde, wird von Protesten legitimierter Vertreter*innen der Bevölkerungsgruppen der Herero und Nama begleitet. Als Echo auf diese Proteste haben auch in Berlin Vertreter*innen der afrikanischen Diaspora und des Bündnisses „Völkermord verjährt nicht“ demonstriert. Dabei gab es schon früh klare Signale, dass die Nachfahren der Opfer des deutschen Genozids in Namibia nicht zufrieden waren mit ihrer fehlenden Repräsentation am Verhandlungstisch und der Stoßrichtung der Verhandlungen. Aus diesem Grund hatten sie 2017 in New York eine Sammelklage gegen Deutschland eingereicht, um Entschädigungszahlungen wegen der Anfang des 20. Jahrhunderts begangenen Kolonialverbrechen einzufordern. Die Klage wurde abgewiesen. Dennoch hätte die Bundesregierung das Warnsignal nutzen müssen, um der Kritik an der Ausgestaltung der Verhandlungen Rechnung zu tragen.  

Diese Chance wurde versäumt. Deutschlands Unterhändlern ging es darum, diese Verhandlungen so schnell wie möglich zum Abschluss zu bringen und der Komplexität, die eine direkte Beteiligung der Nachkommen betroffener Volksgruppen an den Verhandlungen mit sich gebracht hätte, aus dem Weg zu gehen. Es mag wie ein Erfolg für die deutschen Unterhändler um den CDU-Politiker Ruprecht Polenz erscheinen, dass Deutschland die Deutungshoheit behält, wie es Außenminister Heiko Maas formulierte: „diese Ereignisse jetzt auch offiziell als das (zu) bezeichnen, was sie aus heutiger Perspektive sind: ein Völkermord“, den „Nachfahren der Ermordeten mit insgesamt 1,1 Milliarden Euro (zu) unterstützen“ und dies als „Geste der Anerkennung des unermesslichen Leids, das den Opfern zugefügt wurde“.

Deutschland wollte unbedingt vermeiden, dass der Begriff „Reparation” ins Spiel kam, und vermitteln, dass mit der so genannten Unterstützung alle Rechtsansprüche abgegolten seien. Für die Nachkommen der Herero und Nama ist das anscheinend nicht so. Für sie war Völkermord immer schon Völkermord, nicht erst „aus heutiger Sicht“. Dass Deutschland so lange gebraucht hat, dies anzuerkennen, ist eine Schande und dass aus dieser Anerkennung eine kalkulierte Bitte um Verzeihung folgt, die unter Protesten derer erfolgt, die vergeben sollen, ist noch beschämender. Deutschland hat eine historische Chance verpasst: Von einer Versöhnung sind wir genauso weit entfernt wie vor der Anerkennung. Deutschland hatte die Chance, mit gutem Beispiel in einem Europa voranzugehen, das erst jetzt beginnt, sich mit seiner brutalen Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen, die seine Beziehungen besonders zum afrikanischen Kontinent heute noch prägt.