So ein Theater! Beobachtungen aus einem Selbstversuch

Was hat Milo Rau mit seinem Weltparlament Anfang November in der Berliner Schaubühne inszeniert? Wer waren die Beteiligten? Betroffene, Abgeordnete oder nur LaiendarstellerInnen? Oder war das Ganze eine Versuchsanordnung in einem Labor und wir waren ZeugInnen von etwas ganz Großem? Denn „So wie es ist, kann es nicht bleiben“. Sagt Milo Rau.

Drei Tage lang waren 60 handverlesene Abgeordnete aus der ganzen Welt in der Schaubühne Berlin versammelt, um über eine Charta für das 21. Jahrhundert abzustimmen. Unter ihnen war auch auf Einladung der Plough back the fruits-Kampagne Thumeka Magwangqana von der Frauenrechtsorganisation Sikhala Sonke (Wir weinen gemeinsam). Sie lebt seit 1999 in Marikana und hat das Massaker vom 16. August 2012 ebenso hautnah miterlebt wie die danach anhaltende Polizeibrutalität. Als politischer Beobachter nahm Bischof Jo Seoka teil, der für die Kampagne seit drei Jahren auf der Aktionärsversammlung der BASF und seit diesem Jahr auch bei Lonmin die Familien der getöteten und verletzten Minenarbeiter vertritt. Die KASA hat beide während ihres Aufenthalts on Berlin begleitet.

Der schwächste Teil der ganzen Inszenierung war die Charta für das 21. Jahrhundert, was sich auch in der Berichterstattung über das Weltparlament niederschlug. Kaum eine Zeitung oder Kommentar ging auf die Charta ein. Auch die Delegierten, die ja gerade die Abstimmung vornehmen mussten und daher so wenig Zeit für Debatten hatten, wussten nicht, wer eigentlich die Version formuliert hatte, die hier zur Abstimmung vorlag, wer die Veränderungen im Nachhinein vornehmen würde und was letztendlich damit geschehen soll. Alle waren daran interessiert, ihrer eigenen Version der Dinge Gehör zu verschaffen.

Es war, wie ein „Abgeordneter“ aus Schweden formulierte, ein von einer Handvoll weißer, westlicher Männer dominierter Diskurs. Ganz besonders deutlich wurde dies, als über Persönlichkeitsrechte von Tieren und Dingen gesprochen wurde, ohne in Betracht zu ziehen, dass Naturreservate fast immer die Rechte indigener Bevölkerungen missachten oder dass Raubtiere nun mal keine Grenzen ihrer egoistischen Rechtsauslegung kennen und akzeptieren. Hier trafen westliche AktivistInnen auf Betroffene von Menschenrechtsverletzungen, die gerade diesen westlichen AktivistInnen ihren Lebensstil ermöglichen; Einzelkämpfer standen legitimen Vertretern bestimmter Opferorganisationen gegenüber; politische AnalystInnen und WissenschaftlerInnen wurden mit selbsternannten ExpertInnen konfrontiert.

Und genau das war gleichzeitig die große Stärke dieses Theaters. Eine durch den enormen Zeitdruck aufgebaute Gleichzeitigkeit der Diskurse. Kaum je konnte man die Komplexität unsere Welt so deutlich sehen und spüren, erleben und hören. Es war einerseits überfordernd, alle zehn Minuten mit einem neuen, nur oberflächlich dargestellten Menschheitsproblem konfrontiert zu werden und nichts tun zu können. Außer empört zu sein. Außer vielleicht als Abgeordnete abzustimmen. Außer als Publikum zu klatschen oder mal Buhrufe auszustoßen. Andererseits aber wurdegerade dadurch die enorme Ungerechtigkeit der bestehenden, neo-liberalen Weltordnung und die Notwendigkeit angesichts dessen, alternative Lösungsansätze zu finden im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen geführt.

In dieser Ansammlung von einzelnen Fallbeispielen, die die unterschiedlichen Anträge beleuchten oder hinterfragen sollten, fand auch das Massaker von Marikana und damit Thumeka Magwangqana ihren Platz. „Wer sie allerdings sah und ihr zuhörte, der bekam eine Ahnung davon, was neben Ausbeutung und Unterdrückung, neben Folter und Gewalt noch unsere Epoche charakterisiert. Thumaka Magwangqana begann leise zu berichten vom Bergarbeiterstreik in Südafrika 2012. Ihre Stimme wuchs. Am Ende füllte sie die Schaubühne und erreichte wohl jeden einzelnen der 500 Menschen im Saal. Schon indem sie davon erzählte, wie sie zu einem Objekt erniedrigt wurde, wurde sie zu einem Subjekt. Aus einem Opfer zu einem Souverän ihrer Geschichte. Dazu ist eine Bühne, dazu ist Theater da.“ schreibt die Frankfurter Rundschau. Das Theater zeigte uns unsere paradoxe Welt bis in die letzten Winkel ihrer Ausprägung. So sei Parlament, meinte eine echte Abgeordnete. Kaum jemand wisse noch, was er oder sie dort Tag täglich abstimme. Oder wem man heute noch glauben solle. Permanent verschwammen Kategorien, wurden Behauptungen aufgestellt, ohne dass Zeit dafür gewesen wäre, sie zu überprüfen. Immer wieder wurde übers Ziel hinaus geschossen, um einen Punkt klar zu machen. Das auszuhalten war allein schon ein Erlebnis, ein Selbstversuch.

Mit dieser Komplexität und Hilflosigkeit sind wir permanent konfrontiert, ohne dass es uns bewusst wird. Und ohne wirklich eine Alternative zu haben. Sollen wir jetzt Tiere töten, damit wir Lederschuhe anziehen können oder lieber Plastikschuhe, deren Umweltverschmutzung allein beim Anfassen deutlich wird? Setze ich mich für das Freiheitsrecht der Fische ein oder doch lieber für die Einhaltung der Menschenrechte entlang der Lieferkette? Wo sind die Stellschrauben unserer Gesellschaft?

Denn nichts wurde so deutlich, wie dass wir so nicht weitermachen können. Bis auf wenige Ausnahmen waren sich alle einig, dass dieses kapitalistische, neoliberale System nicht nachhaltig für die Menschen ist. Klar, wer daran interessiert ist, die Natur wieder sich selbst zu überlassen, braucht eine Rettung der Menschheit nicht. Und auch diese Meinung fand ihren Platz.

Unter anderem an solchen Themen, aber ganz besonders an dem Genozidleugner aus der Türkei schien die Frage nach dem Demokratieverständnis auf, wurde aber nicht bearbeitet. Immer wieder waren Begriffe ohne vorherige Reflexion gebraucht – eben aus der weißen, westlichen Perspektive heraus. Dies galt für den Kulturbegriff ebenso wie für das Naturverständnis.

Und dann war da noch die Grundsatzfrage im Raum, ob wir überhaupt so ein Parlament brauchen, ganz zu schweigen davon, ob wir es überhaupt wollen. Die Antwort aus Griechenland war eindeutig NEIN: wir brauchen mehr Regionalität, mehr solidarisches Handeln dort, wo die Menschen sind. Wir haben bereits genug von denen, die angeblich für uns sprechen, wir brauchen Basisdemokratie. Einer der politischen Beobachter sprach es dann auch aus: Wenn es ein solches Parlament wirkliche gäbe, wer würde denn dann hier sitzen? Ganz sicher nicht wir, die wirklich etwas verändern wollen.

Auch die Diskussion um Grenzen, Völker und Nationen war im Raum, ohne dass sie wirklich Gegenstand der Debatte gewesen wäre. Sie wurde am Rande gestreift, etwa wenn es um transnationale Rechte von Flüchtlingen ging oder um das Selbstbestimmungsrecht der Völker am Beispiel der Katalanen. Keiner schien zu merken, dass sich die unterschiedlichen Anträge für die Charta widersprechen. Oder war es gar Absicht?

Während die ganze Welt wieder entsetzt von der Gier und Trickserei der Reichen auf die Paradies Papers schaut, hatte die General Assembly das Thema Finanzen, Steuern und die unendliche Freiheit des Geldes komplett ausgeblendet. Weder ATTAC noch eine andere Organisation oder Kampagne, die sich mit diesem Themenfeld beschäftig, war vertreten gewesen.

Und was jetzt? Gehen wir wieder zu unseren eigenen Kampagnen zurück? Haben wir einen neuen Weg aufscheinen sehen, der unsere Arbeit beeinflussen wird?

Als Fazit für mich persönlich bleibt: Es war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Mehr davon! Nicht unbedingt mehr Weltparlamente, jedoch mehr Labore.