„Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als der Kolonialismus“. Ein kurzer Kommentar

Mit seinen Äußerungen über den Kalten Krieg, der Afrika mehr geschadet habe als der Kolonialismus, hat Günter Nooke, Afrika-Beauftragter der Bundesregierung, für Kopfschütteln und Irritationen gesorgt. Diese Reaktionen sind berechtigt, auch wenn G. Nooke in der 6. Folge von Politrics[1] darauf verweist, dass er mit seiner Aussage Mo Ibrahim zitieren wollte.

Zunächst gilt es festzuhalten, dass der Verweis auf einen afrikanischen Unternehmer an der Bewertung nichts ändert, da der genannte Unternehmer eine Stimme unter vielen ist. Und eine falsche oder bewusst manipulative Interpretation der Geschichte Afrikas kann nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass diese in Verbindung mit einer afrikanischen Stimme gebracht wird.

Günter Nookes Äußerungen sind deswegen problematisch, weil er sich in einer Reihe von Menschen im Westen stellt, die immer häufiger dazu tendieren, koloniale Kontinuitäten in den Europa-Afrika-Beziehungen wahrzunehmen. Diese sind offensichtlich nicht nur in Strukturen wie Handel, Finanzarchitektur etc., sondern auch im Denken und Handeln vieler Menschen auf beiden Seiten. Die Art von Afrika-Diskursen, die hierzulande in vielen Kreisen geführt werden, ist kolonialistisch geprägt. Entsprechend fallen auch die Interventionen aus, die zur Rettung des Kontinents aus diesen Diskursen abgeleitet werden. Die Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen Modelle und Lösungsansätze führt automatisch zu einer Abwertung dessen, was auf dem Kontinent gemacht wird. Das erinnert sehr an die Zivilisierungsmission, welche das koloniale Projekt für die Rechtfertigung von Gewalt und Ausbeutung in den Vordergrund stellte.

Indem Kolonialismus im heutigen Denken und in Strukturen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Dominanz ignoriert wird, bzw. relativiert wird, wird eine Auseinandersetzung damit verhindert. Eine ablehnende Haltung gegenüber der Frage „woher wir kommen und was von der Vergangenheit“ immer noch präsent und prägend ist, wird besonders in Deutschland mit dem Verweis gerechtfertigt, „die Länder seien seit 50 Jahren abhängig“ und „wir Deutsche hätten die Kolonien sowieso viel früher verloren, wenn überhaupt sollen sich die Franzosen und Belgier damit auseinandersetzen. Die Fragen danach, ob es möglich ist, sich von den Bürden der Kolonialitäten zu befreien, solange Schädel aus Namibia in Deutschland lagern und koloniale Raubkunst in deutschen Museen zu finden ist? Angenommen, Deutschland selbst hat gar keinen kolonialen Zugriff auf afrikanische Wirtschaftsstrukturen, profitiert Deutschland von kolonialen Zugriffen etwa französischer Unternehmen? Alle diese Fragen werden gerne von denen ausgeblendet, die die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen wollen. Indem sie das tun, weigern sie sich, wahrzunehmen, dass diese Positionierung aus einer privilegierten weißen Position stammt. Aus dieser Position heraus können, müssen sich aber Menschen nicht mit kolonialen Kontinuitäten auseinandersetzen. Diejenigen, die unter den Konsequenzen ihrer Darstellungen und Wahrnehmungen durch kolonial geprägte Bilder leiden, können sich dieses Privileg nicht erlauben.

G. Nooke und diejenigen, auf die er sich beruft, scheinen eine scharfe Trennung zwischen Kolonialismus und kaltem Krieg zu ziehen: hier die Auswirkungen des Kalten Krieges, die schlimmer sein sollen, dort die des Kolonialismus, die weniger schlimm sein sollen. Diese Trennlinie ist ungerechtfertigt, weil die Orientierung an den jeweiligen Blöcken, nicht immer, aber in vielen Fällen, die koloniale Besetzung und die daraus resultierten Einflusssphären reproduziert haben. So gesehen haben koloniale Machtverhältnisse und Beziehungen die Voraussetzungen geschaffen, auf denen der Kalte Krieg mit seiner Ausrichtung des Wesens der Länder Afrikas auf ausländische Projekte und Nutznießer gedeihen konnte. Der Kalte Krieg konnte den afrikanischen Kontinent unter seine Bahnen nur unter Gewinnung nationaler Eliten bringen. Diese, zum großen Teil aus westlichen Militärschulen kommend, sahen sich den jeweiligen Blöcken verpflichtet. Sie brauchen keine Legitimität von Innen. Ihre Außenorientiertheit sicherte ihnen Machterhalt und Privilegien. Auch das ist eine koloniale Kontinuität. Bereits unter der Kolonialzeit bezogen die Kolonialverwaltungen ein paar lokale Eliten mit ein, die integraler Bestandsteil ihres Unternehmens wurden. Dieser Verlängerungsarm des Kolonialismus wurde zur Niederschlagung derer genutzt, die Widerstand gegen die Ausrichtung auf ausländische Interessen leisteten. Das war im Kolonialismus so. Der Kalte Krieg hat dies reproduziert. Dies dürfte kaum wundern: mit dem Kalten Krieg endete der Kolonialismus nicht. Im Gegenzug bot der Kalte Krieg einen günstigen Kontext zur Fortsetzung der Kolonialen Durchdringung. Daran änderten die politischen Unabhängigkeiten in den 50er Jahren nur wenig.

Bleibt die Auseinandersetzung mit den „Segen“ des Kolonialismus, nach dem Motto, nicht alles sei negativ gewesen zur Zeit des Kolonialismus. Kolonialismus habe Infrastrukturen und Strukturen für Gesundheit, Bildung etc. mit sich gebracht. Wer so argumentiert, nimmt nicht wahr, wie selektiv seine Wahrnehmung der Geschichte ist. Niemand vernünftiges würde auf die Idee kommen, Verbrechen der Nationalsozialisten in Deutschland dadurch zu rechtfertigen, dass seine Protagonisten Infrastruktur in Deutschland aufgebaut hatten. Kolonialismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Von dieser Erkenntnis aus zählt alles andere nicht mehr. Darüber hinaus: Wer den Segen des Kolonialismus preist, verdrängt, dass sich kolonialgeprägte Gesundheits- und Bildungssysteme nicht in einem leeren Raum artikulieren, sondern an einer systematischen Zerstörung existierender, zum Teil gut funktionierender Systeme ansetzten, deren Weiterentwicklung wegen des Kolonialismus zum Erliegen kam.  Es steht außer Zweifel, dass der Kalte Krieg dem afrikanischen Kontinent große Schäden zugefügt hat, die in vielen Ländern heute noch spürbar sind. Die Anerkennung dieser Wirklichkeit darf nicht als Vorwand dienen, Kolonialismus und seine Verbrechen zu relativieren und die Kontinuitäten zwischen Kolonialismus und Neokolonialismus zu ignorieren


[1]https://www.radioeins.de/archiv/podcast/politricks/interviews-mit-guenter-nooke-und-boniface-mabanza.html