Ein Dorf blüht auf. Sorgt das bedingungslose Grundeinkommen für mehr Engagement?

Emila näht

Nachdem ein Institut in Namibia im Auftrag der Regierung herausfand, dass die sinnvollste Armutsbekämpfung für das Land die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BIG) wäre, nahm sich eine Gruppe engagierter Menschen unter Leitung der lutherischen Kirche des Themas an. „Walk the talk“, so der damalige Bischof Zephania Kameeta, der heute Sozialminister ist und auf dieser Ebene für die Umsetzung eines Grundeinkommens in seinem Land kämpft.

Das Projekt hat Bedeutung für die ganze Welt

So kam es, dass in Otjivero, einem kleinen Dorf rund 70 Kilometer von der Hauptstadt Windhuk entfernt, jede Dorfbewohnerin und jeder Dorfbewohner unter 60 Jahren jeden Monat ein Grundeinkommen von umgerechnet acht Euro erhielt. Bei einer fünfköpfigen Familie war das schon eine Summe, mit der sie der absoluten Armut und Abhängigkeit entfliehen konnte. Viele Menschen machten sich selbständig, suchten in der Stadt nach festen Jobs oder gingen in eine weiterführende Schule. Denn sie alle wussten, dass ein Pilotprojekt einen Anfang und ein Ende hatte.

Noch bevor Geld floss, hatten sich die wichtigsten Personen in Otjivero, das damals eher ein Haufen zusammengewürfelter Behausungen als ein Dorf war, zusammengefunden, um über das Projekt zu sprechen: die Ältesten der verschiedenen Volksgruppen, die Schulleiterin, die Krankenschwester, der Polizist und die Besitzerinnen und Besitzer kleiner Trinkhallen, Shebeens genannt. Ihnen allen war bewusst, dass dieses Projekt nicht nur für ihr Leben, sondern auch für die Zukunft ihrer Kinder, für Namibia, die Region, für Afrika und die ganze Welt von großer Bedeutung war. So zumindest formulierten sie es in einem ersten Statement. Interessanterweise gab es bei diesem Projekt keine externe Beratung. Arme Menschen, so Bischof Kameeta, seien nicht per se dumm und wüssten sehr gut, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen könnten, wenn sie nur die Chance dazu hätten. Allein die Tatsache, dass es nun einen Dorfrat gab, war ein erster spürbarer Erfolg.

Bei meinem ersten Besuch in Otjivero im April 2009 erzählte mir eine junge Frau ihre Geschichte und sagte: „… now I can stand in the middle of people and talk“. Dieser Satz wurde für mich zum Symbol für die Emanzipation, die Rückgewinnung der Menschenwürde, die in einem universellen und bedingungslosen Grundeinkommen liegt. Die junge Frau war früher von der Güte anderer Menschen abhängig. Jeder ging ihr aus dem Weg, denn die Angst, angebettelt zu werden und aufgrund der eigenen Armut nichts geben zu können, war einfach zu beschämend. Doch nun konnte sie nicht nur für ihre Kinder sorgen, sondern auch im Dorf, im Laden oder vor der Kirche ein Schwätzchen halten, wieder dazugehören. Wie ihr ging es vielen Menschen. Und somit entstand eine Dorf-Gemeinschaft. Die Eltern konnten Schulgeld für die Kinder bezahlen und waren damit ansprechbar für die Schule. Es gab Einkaufsgemeinschaften, um den teuren Fahrpreis in die Stadt zu sparen. Das vorhandene Geld wurde hauptsächlich im Dorf ausgegeben, stärkte das Vertrauen untereinander und schuf eine komplett neue Atmosphäre

Auch arme Menschen könnten plötzlich ihre Stimme erheben

Menschen, die in der Armutsfalle stecken, die den Großteil des Tages damit zubringen, für das Überleben der Familie zu sorgen, haben im wahrsten Sinne keinen Kopf für soziales oder politisches Engagement. Gleichzeitig sind sie es, die am meisten davon betroffen sind, wenn Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung Not leiden. Prozentual geben arme Menschen mehr für andere als reiche. Hier liegt vielleicht auch der wahre Grund, warum Regierungen in Ländern wie Namibia so zögern oder sich abweisend gegenüber der Einführung eines Grundeinkommens verhalten, denn plötzlich würde die Hälfte der Bevölkerung den Kopf freier haben für politische und soziale Debatten. Sie könnten sich in laufende Diskussionen etwa um die Landfrage oder die Entschädigung der Opfer des Genozids einmischen und eine eigene Meinung kundtun. Dies, so hat das Pilotprojekt gezeigt, ist nicht nur denkbar, sondern überaus realistisch.

Abgedruckt in Südzeit Nr. 79 / Dezember 2018