Extraktivismus, Postkolonialismus und Feminismus

Anfang Oktober veröffentlichte ActionAid eine Studie unter der Überschrift „From the Rhetoric to Rights: Towards Gender-just Trade“. Die Studie geht von der Annahme aus, dass gut konzipierte Handelsregeln und -politiken dazu beitragen können, die strukturellen Barrieren abzubauen, die Frauen daran hindern, ihre vollen Rechte wahrzunehmen, und zur Verwirklichung der Gleichstellung der Geschlechter und einer gerechten Entwicklung für alle beitragen. Aber die Studie konstatiert auch, dass allzu oft schlecht konzipierte Handelspolitiken und ein System von Regeln, die die Interessen wohlhabender Länder und Unternehmen vor den Rechten von Frauen, vor Menschenrechten im Allgemeinen und vor Umweltrechten stellen, für Frauen zutiefst schädlich waren – insbesondere für Frauen aus den ärmsten und am stärksten marginalisierten Gemeinschaften. Nicht nur befinden sich benachteiligte Regierungen im Welthandel nicht in der Lage, Maßnahmen zugunsten von Frauen zu treffen und umzusetzen, weil ihre finanziellen Handlungsspielräume durch ungerechte Handelssysteme eingeschränkt werden, sondern auch werden durch ungerechte Handelsmaßnahmen - wie Liberalisierungen – Existenzgrundlagen von Bäuerinnen und Bauern, von Kleinproduzentinnen und -produzenten zerstört. Aber diese Zerstörung betrifft überwiegend Frauen. Sie sind es, die oftmals in ländlichen Gebieten die schwere Last der Produktion von Nahrungsmitteln auf sich nehmen. Besonders, wenn sie auf sich selbst gestellt sind und für ganze Familien nicht nur für Ernährung, sondern auch für Gesundheit und Bildung zu sorgen haben, ist die Last noch schwerer zu tragen. Gerade auf dem Land sind die Bevölkerung im Allgemein und die Frauen im Besonderen aufgrund der schwachen Strukturen, die Beschäftigung in anderen Sektoren als in der Landwirtschaft nicht möglich machen, auf die Ressource „Land“ angewiesen. Diese Ressource, welche zu Recht aufgrund ihrer Zentralität für das Überleben der Menschheit und aufgrund ihrer Sakralität als Mutter bezeichnet wird, ist immer stärker bedroht. Mit dieser Bezeichnung werden der „Mitwelt“ weibliche Attribute zugesprochen, weil sie Spenderin des Lebens ist, genauso wie das weibliche Geschlecht dies in einer besonderen Weise ist. Der Kolonialismus mit seinem hegemonialen Konstrukt und die damit einhergehenden patriarchalen und rassistischen Ideologien taten sich schwer, andere Denkmuster als die der kolonialisierenden politischen Entitäten zu akzeptieren. Stattdessen wurde die Überzeugung von westlichen Denkmustern so gelebt, dass eine gewaltsame Zerstörung des wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Gleichgewichts in allen Weltregionen eine Rechtfertigung fand, in denen  sich Kolonialismus ausbreitete. Mit Kolonialismus propagierten sich eine Naturfeindschaft und ein Ökozid, die heute im Extraktivismus eine Fortsetzung finden. Menschen glauben, ein Recht zu haben, sich in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland zu verhalten, um einen Ausdruck von Ernst Bloch aufzugreifen. In vielen Teilen der Welt agieren Regierungen und Bergbaukonzerne, als hätten sie ein gottgegebenes Recht, sich Zugang zu Land auf Kosten der Landbevölkerung und besonders von Frauen zu verschaffen. Dies stellt neben Traditionen, die in ihren Intentionen, Frauen von Landbesitz auszugrenzen, sehr erfinderisch waren, die größte Gefahr für die Landbevölkerung und für Frauen heutzutage dar. Im Südlichen Afrika werden in vielen Ländern zahlreiche Gemeinschaften ohne angemessene Kompensation ihres Landes beraubt. Nationale Regierungen handeln so in der Regel auf Druck internationaler Finanzinstitutionen und transnationaler Konzerne, insbesondere von Agrar- und Bergbauunternehmen, die das Recht erhalten, die Mineralien unter der Erdoberfläche abzubauen. Fast überall in der Region herrscht die Vorstellung, dass lokale Gemeinschaften Regierungen und Bergbauunternehmen den Zugang zu ihrem Land nicht verweigern dürfen, wenn sie es für Bergbauaktivitäten benötigen. Regierungen lassen sich von Absichtserklärungen von Unternehmen einlullen, die immer versprechen, nicht nur zur Verbesserung makro-ökonomischer Daten beitragen zu wollen, sondern auch direkt und konkret für lokale Gemeinschaften viel verwirklichen zu wollen. Sie versprechen, Arbeitsplätze für die lokalen Gemeinschaften zu schaffen, die Infrastrukturen für Bildung, Gesundheit und Transport zu verbessern. In der Regel passiert nichts oder nur wenig. Bergbauunternehmen streichen die Gewinne ein und hinterlassen Umweltzerstörung und soziale Desintegration. Was die jeweiligen nationalen Regierungen als Lizenzgebühren und Steuern eintreiben, wenn sie überhaupt bezahlt werden, und die Unternehmen keinen Steuerurlaub für 25 oder 30 Jahre erhalten, versickert oft in den dunklen Kanälen der außenorientierten Eliten nationaler Regierungen. Die lokalen Gemeinschaften haben nichts davon. Der Reichtum geht, während die soziale und ökologische Zerstörung zurückbleibt, welche sich besonders bei Frauen manifestiert, weil sie sich oft für das Überleben der Familien verantwortlicher fühlen. Diese Verantwortung ist dort leichter wahrzunehmen, wo etwa der Zugang zu Land und Wasser gewährleistet ist. Diese zwei Ressourcen werden durch Extraktivimus immer häufiger verschmutzt, zerstört oder einfach den lokalen Gemeinschaften entzogen. Frauen sichern das Überleben im Kontext von Extraktivismus oft in sozial desintegrierten Gemeinschaften, in denen die Männer, bedingt durch ihre Arbeitsbedingungen zum Alkoholismus neigen, was sich wiederum negativ auf ihr Verhalten im Familiengefüge auswirkt. Frauen sehen sich mit Auswüchsen alkoholisierter männlicher Dominanz in Formen von häuslicher Gewalt konfrontiert, wenn ihre Kräfte nicht zu sehr im Pflegedienst beansprucht werden, weil viele Männer durch die Minenarbeit oder den damit verbundenen Alkoholismus krank in die Gemeinschaften zurückkehren.

Angesichts dieser Entwicklungen empfiehlt es sich, die Tragweite der Kämpfe vieler lokaler Gemeinschaften gegen Extraktivismus zu verstehen. Diese setzen sich dafür ein, das Recht „Nein zu sagen“ durchzusetzen. In Südafrika beispielsweise gibt es das Mineral and Petroleum Resources Development Act (MPRDA), ein Gesetz, das Bergbauunternehmen vorschreibt, vor Beginn ihrer Aktivitäten alle betroffenen Parteien zu konsultieren. Sowohl von der Regierung als auch von Bergbauunternehmen wird das Gesetz als Lizenz für ungehinderten Zugang zu Land von lokalen Gemeinschaften missbraucht: Landbesitzer oder Nutzer können den Zugang nicht verweigern. Angesichts dieser Gefahr, welche ihre Lebensgrundlagen bedrohen, entdecken die vom Bergbau betroffenen Gemeinschaften den Wert des Zusammenhalts neu. Sie schließen sich zusammen, um im Mittelpunkt aller Entscheidungen zu stehen, die ihre Gemeinschaften betreffen, und so (?) bleiben zu können. Dabei entdecken sie oft die integrative Kraft von Frauen, deren Stimmen allzu lang marginalisiert wurden. Im Mittelpunkt zu stehen bedeutet für diese Gemeinschaften, ihre eigenen Optionen für das Leben in ihren Gemeinschaften artikulieren zu können und sie sehen oft im Extraktivismus keine Zukunft, denn sie hören nur selten Gutes von anderen Gemeinschaften, die sich auf diesen Entwicklungspfad eingelassen haben. 

Durch diese Zeilen dürfte es deutlich geworden sein: Extraktivismus beschert lokalen Gemeinschaften und darin besonders Frauen eine schwere Last genauso wie er der Natur schadet. Diese Kombination von Angriff auf Mensch und Natur ist nicht neu, sondern weist auf Kontinuitäten hin, die bis in die Geburtsstunden des Kolonialprojektes zurückgehen. Geschichtlich gesehen ging die Kolonialisierung verstanden als „Nutzbarmachung des Bodens, seiner Schätze, der Flora, der Fauna und vor allem der Menschen zugunsten der Wirtschaft der kolonisierenden Nation“ mit der Beherrschung der Frauen und der Natur in den selbst ernannten zivilisierten Nationen einher. In den Kolonien wurden Menschen von der Natur entfremdet und durch Zwangsarbeit dazu gebracht, eine von Gewalt geprägte Beziehung zur Natur zu entwickeln. Diese Beziehung setzt sich im Extraktivismus fort.  Aus diesem Grund ist die Notwendigkeit, Extraktivismus zu überwinden, integraler Bestandsteil der Vollendung der Befreiung von Kolonialismus einschließlich seiner patriarchalen Kategorien. Im Extraktivismus und in dem darin verankerten Umgang mit Natur, mit Menschen und besonders mit Frauen in umliegenden Gebieten der Minen zeigen sich Machtbeziehungen, politische Strukturen und eine wirtschaftliche Dominanz, die koloniale Logiken und Praxen aufrechterhalten. Stimmen lokaler Gemeinschaften, besonders von Frauen, werden nicht gehört, öffentliche Diskurse werden von außenorientierten Eliten dominiert.  Auch dies ist ein Element von Kolonialismus. Die Überwindung der durch Extraktivismus ausgelöste Krise kann nur gelingen, wenn gerade die Stimmen, die bis jetzt keine Chance haben, gehört zu werden, diese Chance erhalten. Zu diesen Stimmen gehören die der Frauen, die in einer besonderen Weise die Gestaltung des Lebens in vielen dezentralen Räumen prägen.