Mavhaire: ein Dorf mit Visionen

Das kleine Dorf Mavhaire liegt unweit der kulturhistorischen Städte Great Zimbabwe bei Mashvingo und mutet auf den ersten Blick an, als wäre es aus der Zeit gefallen. Die Teerstraße ist weit weg, ebenso verhält es sich mit Strom und fließend Wasser. Während der Trockenperiode führt der Fluss kein Wasser, die Menschen graben Sandlöcher, wenn sie kein Geld haben, um sich Brunnen bohren zu lassen. Auch das Vieh hat dann Mühe, genügend Nahrung und Wasser zu finden.

Abends sitzen wir im Gehöft von Timothy Kondo am Feuer, rösten Maiskolben, die frisch geerntet wurden und verspeisen ein Hühnchen, das vorher noch fröhlich über den Hof lief…

Wie so oft trügt aber der Schein, denn das Dorf ist mitnichten isoliert, abgekoppelt von der „ersten“ Welt oder den wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen. Zumindest nicht, wenn es um Visionen, Entwicklungsideen oder Projektentwicklungen geht. Hingegen haben die staatlichen Strukturen wenig Interesse, diese voranzutreiben, zu unterstützen oder weiterzuentwickeln. Sie legen eher Steine in den Weg als dass sie die Menschen in abgelegeneren Landesteilen ermutigen, Lösungen für ihre Probleme zu suchen und sie bei der Umsetzung zu unterstützen. Mehr Unterstützung erhalten die BewohnerInnen eher von den Kindern, die sie mit ihrer Hände Arbeit durch die Ausbildung gebracht haben den Satz versteh ich nicht und die jetzt überall auf der Welt leben in die Welt hinausgezogen sind um nicht selten die Eltern und Verwandten finanziell zu unterstützen. Wer keine Kinder oder Verwandte im Ausland hat, kann fast nicht überleben. Die Wirtschaft in Simbabwe ist zusammengebrochen, Geld  - im simbabwischen Fall fungiert immer noch der USDollar als Währung - ist kaum in Umlauf und Erspartes hat sich zusammen mit dem ZimDollar in Luft aufgelöst. Wer Überweisungen aus dem Ausland erhält, kann mit Kreditkarte bezahlen. Selbst  wer sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, wie Timothy Kondo, ist auf seine Kinder angewiesen. Er erhält 170$ Rente im Monat…

Wir treffen das Dorfkomitee im Büro des Schulleiters. An der Wand hängt zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit ein neues Bild: Präsident Mnangagwa hat Mugabe abgelöst. Die Bilder haben es bis hierher bereits geschafft. Dafür ist Geld da. Wenn aber das Dorf einen offiziellen Geologen braucht, um ein Gutachten über einen geplanten Damm zu erstellen, so hat dieser nicht mal genügend Mittel, um Benzin zu kaufen – wenn er überhaupt ein Fahrzeug hat, um damit  in die weit auseinander liegenden Dörfer fahren zu können. Er sitzt in Gweru und ist quasi darauf angewiesen, dass er abgeholt wird.

Ein Damm, oder besser ein Wehr an dem Fluss ist Teil der größeren Vision des Komitees zur Zukunftssicherung  ihres Dorfes[1] und gleichzeitig die Grundlage für alles. Deshalb hat hier das Komitee erste Schritte unternommen: Das gesamte Gelände ist nun offiziell für das Dorfprojekt registriert und eingetragen, nachdem das Landwirtschaftsministerium das Gelände vermessen hatte. Als nächstes soll die Klinik mit einem Architekten zusammen geplant werden. Für das Wehr brauchen sie professionelle Hilfe, um sowohl den Sand auszubaggern als auch die Feldsteine, die die DorfbewohnerInnen zusammen gesammelt haben, zu verbauen. Mit dem ausgebaggerten Sand sollen auch in Gemeinschaftsarbeit Ziegel entstehen, die für den Bau der Häuser im Projekt verwendet werden können.

Das gesamte Projekt, das auch noch ein Trainingscenter, einen Dorfmarkt, ein Freizeitgelände sowie eine Gartenanlage mit  heimischen Bäumen beinhaltet, ist detailliert geplant und die Zuständigkeiten unter den Komitee-Mitgliedern aufgeteilt. Aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam, Anträge an Hilfsorganisationen müssen gestellt und Gelder eingesammelt werden. Viele Kinder, die weltweit verstreut leben und arbeiten, tragen zu diesem Projekt bei. Das Dorf hat Erfahrung mit solchen Projekten, denn sie haben bereits in den 1980er Jahren für das? nahe gelegene Krankenhaus, das unter anderem von Misereor mit finanziert wird, Wasserleitungen gelegt. Auch für die Grundschule, die sich gegenüber dem Projektgelände befindet, wurde mit Eigenmitteln ein kleines Amphitheater gebaut, damit Schulversammlungen oder Aufführungen stattfinden können.

Es ist erstaunlich, was die Menschen bewegen, wenn sie zusammen arbeiten, eine Vision haben. Erstaunlich deshalb, weil sie oft ums Nötigste ringen. So war bei unserem Besuch vor zwei Jahren die Trockenheit vorherrschend und die Maisspeicher waren leer. Dieses Mal hat der Fluss Wasser. „Wenn wir jetzt schon das Wehr hätten…“sinniert einer der Ältesten, die mit uns zum Ufer gelaufen waren.

Unser Besuch war wichtig. Wir konnten die Fortschritte würdigen, gemeinsam über Anträge nachdenken und haben unser Versprechen, wiederzukommen eingelöst. Unsere Solidarität stützt und ermutigt die Mitglieder. Aber auch wir profitieren davon, denn wie die Menschen in den Dörfern über die politischen Entwicklungen im Land denken, welche Probleme auch im Dorf aus den unterschiedlichen Parteizugehörigkeiten erwachsen, zeigt uns einmal mehr, wie tief zerrüttet das Land ist.

„Ein Mitglied fehlt heute“,  berichtet der Vorsitzende zu Beginn der Sitzung und ergänzt, dass er der einzige sei, der ZANU-PF wählen würde, alles andere hier wären Anhänger der Opposition MDC. Später kommt er noch dazu, als die Sitzung quasi schon vorbei ist und wir gemeinsam zu Mittag essen. Warum er nicht an der Sitzung teilgenommen hatte, können wir nur vermuten, denn in jedem Gemeinderat sitzen per se Mitglieder verschiedener politischer Strömungen als Abbild der Gemeinschaft. Doch hier geht es um weit mehr als um politische Präferenzen, da zumindest ZANU-PF schon lange aufgehört hat, eine Partei zu sein. Erfahrungen von Einschüchterungen, Schikanen und Diffamierungen sind an der Tagesordnung, besonders, wenn es auf die Wahlen zugeht. Daran hat auch der neue Präsident bisher nichts geändert. Und mit dieser Erfahrung ist Mavhaire integraler Bestandteil der simbabwischen Gesellschaft.


[1] Ausführliche Beschreibung des Dorfprojekts