Namibia und Ruanda – Parallelen zwischen zwei Genoziden

Das Deutsche Reich erhob Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge des Kolonialismus auf dem afrikanischen Kontinent Ansprüche auf Kamerun und Togo, sowie auf Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika. Die beiden letztgenannten Gebiete wurden im 20. Jahrhundert zum Schauplatz brutaler Genozide. Wie konnte es dazu kommen? Was verbindet die beiden Massenverbrechen, die zeitlich und räumlich voneinander getrennt sind?

Der europäische Kolonialismus

Der Europäische Kolonialismus prägte über Jahrhunderte hinweg viele Teile der Erde. Dabei erreichte die europäische Expansion ihren Höhepunkt Ende des 19. Jahrhunderts. In den beherrschten Gebieten setzten die Europäer*innen ihre Lebensstile, Interessen, Wirtschaftsweisen, Regierungsformen und Wertevorstellungen mithilfe wirtschaftlicher Ausbeutung, sozialer und politischer Verwerfungen durch. Als 1884/1885 über die Aufteilung Afrikas entschieden wurde, waren sich die europäischen Vertreter darin einig, die Afrikaner*innen nicht an den Beratungen zu beteiligen, geschweige denn ihre Interessen anzuhören oder gar zu berücksichtigen. In ihrem Denken sahen sie sich den Afrikaner*innen überlegen, die zur selben Zeit etablierte „Rassenlehre“ berechtigte in ihren Augen die ausufernden Verbrechen an der Menschlichkeit[1]. Dieses Denken wurde im Recht konstituiert, welches koloniale Gewalträume eröffnete und deren Existenz wiederum legitimierte. So war die Herrschaft der europäischen Mächte insbesondere durch ihre permanente Androhung und Anwendung von exzessiver Gewalt geprägt: Aufstände wurden brutal niedergeschlagen, Zwangsarbeit war die Norm, Strafexpeditionen und Zwangsumsiedelungen durchgeführt. Der grausame Genozid in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, unter dem deutschen Generalleutnant von Trotha von 1904 bis 1908 an den Herero, Nama und Damara, markierte einen Schlüsselmoment der deutschen Kolonialbesetzung. Der Genozid 1994 in Ruanda durch die Hutu-Milizen und Sicherheitskräfte verübt an den Tutsi und moderaten Hutu in den Nachwehen des Kolonialismus verleiht dem kolonialen Erbe Ausdruck, welches Deutschland und Belgien in dem Land hinterlassen haben. Und auch wenn die beiden Genozide zeitlich fast ein Jahrhundert auseinander liegen, gibt es Parallelen zwischen ihnen. Da beide Schauplätze der Genozide ehemalige deutsche Kolonien waren, sollen sie im Folgenden verglichen werden.

Der Genozid in Namibia

Schon 1884 entschied sich der damalige Reichskanzler, Fürst Otto von Bismarck, in Deutsch-Westafrika eine Siedlerkolonie zu gründen und unter die Obhut des deutschen Reiches zu stellen. Schon bald nachdem sich die ersten deutschen Siedler niedergelassen hatten, begann die teils gewaltsame Enteignung der Bevölkerung von landwirtschaftlich nutzbaren (Weide-) Flächen und Wasserquellen. Über 70 Prozent der Weideflächen fiel an das räuberische Kolonialregime. Als 1897 eine Rinderkrankheit 95 Prozent der Nutztiere das Leben kostete[2], sah sich die Bevölkerung zudem noch gezwungen, um ihr Überleben zu sichern, für die Deutschen unter menschenunwürdigen Konditionen zu arbeiten. Die wachsende Unzufriedenheit eskalierte im Januar 1904 im Aufstand der Herero, der rasch von Gouverneur Theodor Leutwein und seinem Nachfolger von Trotha bekämpft wurde. In der Entscheidungsschlacht im August 1904 kesselten die deutschen Truppen die Herero am Waterberg ein, den Überlebenden der Schlacht blieb nur der Ausweg in die Omaheke-Wüste und damit ins sichere Verderben. Die Besatzer versperrten alle Fluchtwege und trieben die Herero noch tiefer in die tödliche Wüste oder erschossen sie beim Versuch, an die Wasserstellen zu kommen. Nur ein kleinster Bruchteil schaffte es, in das angrenzende heutige Botswana zu fliehen. Insgesamt überlebte nur ein Fünftel der Bevölkerungsgruppe den Genozid. Die Gruppe der Nama lehnte sich wenig später ebenfalls gegen die Fremdherrschaft auf, doch auch sie wurden schließlich im Februar 1909 niedergeschlagen. Insgesamt starben in den fünf Jahren des ersten Völkermordes des 20. Jahrhunderts 95.000 Angehörige der Herero und Nama[3].

Der Genozid in Ruanda

Die Erfahrung kolonialer Herrschaft hat noch immer (tiefe) Folgen für die postkolonialen gesellschaftlichen und politischen Ordnungen. In Namibia beispielsweise, sind die Betroffenen des Genozids nach wie vor politische Minderheit und leiden bis heute unter der Enteignung ihres Landes, Viehs und ihrer Lebensgrundlagen. Noch heute gehören sie zu den ärmsten der Armen. Das Trauma von Fremdherrschaft und Ausbeutung und die damit einhergehenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit beben allerdings nicht nur in Namibia nach. Ersichtlich wurde das Erbe der Kolonialzeit insbesondere im ruandischen Genozid, der sich aus den rassistisch begründeten sozialen Kategorien, die die Kolonialherren zur Organisation ihrer Herrschaft eingeführt und genutzt hatten, entwickelte. Zuvor gab es jahrhundertelang währende gemeinsame Traditionen und Bindungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die friedlich nebeneinander lebten. Sie teilten Sprache (Kinyarwanda) und Religion und bildeten eine gemeinsame Nationalkultur. Ursprünglich lag ihr Unterschied in der Zugehörigkeit zu Sozialkategorien, welche sich am Besitzverhältnis an Rindern orientierte. Dabei gehörten solche, die in Besitz mehrerer Rinder, dem Symbol für wirtschaftliche Kraft und Status, waren, den Tutsi an, Besitzer*innen nur weniger Rinder den Hutu und rinderlose Jäger und Sammler der Gruppe der Twa an. Durch Anhäufung/Verlust von Rindern war ein Statuswechsel der Menschen möglich. Erst die deutschen Kolonialherren und Forscher schufen aus den sozialen Kategorien Ethnien. Ihrer Interpretation nach waren Tutsi die Angehörigen einer „höher entwickelten“ Bevölkerungsgruppe. Sie sei aus Äthiopien eingewandert und besäße „rassische Merkmale“ die besser für Führungsaufgaben geeignet sei als die Hutu-Mehrheit[4]. Auf diese Weise zementierten die Deutschen nach dem Prinzip der „indirekten Herrschaft“ die Tutsi-Aristokratie[5]. Belgische Kolonialherren übernahmen 1916 diese rassistisch begründete, ethnisch orientierte Ungleichbehandlung der Gruppen und setzten die Kennzeichnung ihrer Gruppenzugehörigkeit auf den Personalpapieren durch. Somit war das bisher durchlässige Schichtensystem unwiderruflich festgeschrieben. Die Handlungen der Deutschen und Belgier führte zur Spaltung der dominierenden Tutsi-Minderheit und der unterdrückten Hutu-Mehrheit. Diese blieb auch für die neuen Machthaber nach Ende der Besetzung durch die Kolonialmächte handlungsleitend. Schon zwischen 1959 und 1961 veranlassten die ersten Hutu-Aufstände die Flucht von rund 150.000 Tutsi in die Nachbarländer. Als Ruanda 1962 seine Unabhängigkeit von Belgien gewann, fiel es unter die Hand einer Hutu-Regierung, weitere Tausende Tutsi ergriffen die Flucht. Dagebliebene wurden systematisch unterdrückt. Frankreich hatte eine problematische Nähe zur neuen Regierung, beispielsweise wurde die ruandische Armee von französischen Militärvertretern trainiert. Am 6. April 1994 wurde das Flugzeug des Präsidenten Habyarimana von Unbekannten abgeschossen, bereits eine halbe Stunde später begann die etwa 100 Tage andauernde Ermordung von fast einer Million Menschen. Erst als im Juli der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) die Machtübernahme gelang, endete das schreckliche Blutvergießen.

Konsequenzen der Genozide

Beide schrecklichen Genozide wurden von den europäischen Mächten oder der UN nicht verhindert. Die Regierung des Deutschen Reiches nahm in Deutsch-Südwest-Afrika das Morden in Kauf und das spätere Deutschland tat trotz seiner kolonialen Verbindungen zu Ruanda wenig, um den Massenverbrechen entgegen zu wirken. Als aktiver Täter im Genozid an den Herero und Nama und als Mitpräger der Wurzeln des Genozids in Ruanda durch seine kolonialen Konstruktionen, hat die ehemalige Kolonialmacht Schuld auf sich geladen, die es bis heute gilt, aufzuarbeiten. Beides blieb bislang (fast) ohne rechtliche Konsequenzen.

Im Fall von Namibia veranlasste die Reichsregierung erst zum 1. Dezember 1905 die Aufhebung des Trothaschen Befehls, unschuldige und wehrlose Frauen und Kinder durch Schüsse in die Wüste zu treiben und ihre Männer zu erschießen. 100 Jahre nach dem Grauen, 2004, entschuldigte sich die damalige SPD-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul informell für den „Völkermord“, dessen Terminus bislang penibel vermieden wurde[6]. Erst im Jahr 2016, über ein Jahrhundert nach dem Massenverbrechen, erkannte Deutschland die Verbrechen in Namibia offiziell als Völkermord an. Seitdem setzt sich u. a. die KASA auch für eine offizielle Entschuldigung der deutschen Bundesregierung an die Nachfahren der Herero und Nama ein und fordert die schnellstmögliche Rückgabe der kulturellen Schätze und der verschleppten menschlichen Überreste der Kolonisierten sowie Wiedergutmachungszahlungen[7]. Ein Entschädigungsangebot Deutschlands in Höhe von 10 Millionen Euro für die Verbrechen in der Kolonialzeit wurde im August 2020 von Namibia abgelehnt[8].

Im Fall von Ruanda wurde Deutschland schon 1991 durch den in Ruanda lebenden deutschen Pfarrer Jörg Zimmermann vor den großen Spannungen und einer baldigen Eskalation in regelmäßigen Rundbriefen an mehrere hunderte Adressaten, gewarnt. Auch Reinhard Bolz, Mitarbeitender der GTZ (heute GIZ) als Regierungsberater in Ruanda, warnte die deutsche Botschaft und das Entwicklungsministerium (BMZ) vor einer drohenden Katastrophe. Ebenfalls warnten Hilfsorganisationen und Angehörige der Bundeswehr. Allerdings wurden in den Botschaftsunterlagen keinerlei Informationen über die drohende Gefahr vermerkt und keinerlei Konsequenzen gezogen. Noch immer gibt es keine breite Aufarbeitung der Vorkommnisse in Ruanda von offizieller deutscher Seite, geschweige denn eine Entschuldigung[9].

Dass es Deutschland so schwerfällt, mit der eigenen Geschichte und Kolonialzeit umzugehen, ist vor allem nach dem Eingeständnis des Holocaust verwunderlich. Allerdings scheint es, als hätten die Verbrechen des Dritten Reiches die Erinnerungen an die Zeit als Kolonialmacht überlagert. Zudem spielt die frühe erzwungene Aufgabe der Kolonien 1919 durch den Versailler Vertrag eine Rolle in der Wahrnehmung, dass Deutschland kurz Kolonialmacht war und entsprechend auch weniger verantwortlich für die kolonialen Verbrechen[10]. Allerdings bleibt die Aufarbeitung der Kolonialzeit im Sinne von historischem Anstand, im Vorgehen gegen rassistische Ansichten und gegen Nachwirkungen des Kolonialismus etwa in Wirtschaftsstrukturen unentbehrlich.

Gemein ist den beiden Genoziden nicht nur die grausame, ausufernde Gewalt, ihr kolonialer Kontext als Kolonie oder ehemalige Kolonie, sowie ihre fehlende oder nur unzulängliche Aufarbeitung, sondern auch die Situation in den Ländern und der Bevölkerung, die die Genozide hinterlassen hat. Denn die Gräueltaten haben ihre Spuren hinterlassen.

Im damaligen Süd-Westafrika wurden die traditionellen sozialen Strukturen aufgehoben, sämtliche Viehbestände und Weideland konfisziert, die übrig gebliebene Bevölkerung der Armut überlassen, von den Kolonialherren vergewaltigte Frauen brachten deren Kinder auf die Welt und bis heute konnten sich die Herero weder politisch noch wirtschaftlich vollständig erholen[11]. Viele damals geflohene Herero und Nama leben noch immer in Südafrika und Botswana. Noch 116 Jahre später spüren die Nachfahren der Opfer den Schmerz. Jährlich gedenken die Herero der Opfer am Hererotag und am Heroes day und bemühen sich seit Jahrzehnten um die offizielle Anerkennung der Verbrechen als Genozid durch die Vereinten Nationen.

In Ruanda destabilisierte der Völkermord die gesamte Große-Seen-Region, zwei Millionen Ruander*innen flohen aus dem Land, viele im Genozid vergewaltigte Mädchen und Frauen wurden durch die sexuellen Gewalttaten Mütter (in hoher Prozentsatz darunter ist HIV-positiv), ca. 50.000 Haushalte wurden ohne Erwachsene und ohne regelmäßiges Einkommen geführt, 160.000 Kinder waren zu Waisen geworden, Millionen Menschen waren (und sind noch) traumatisiert[12]. Seit 1995 gibt es viele Gedenkstätten zur Erinnerung an den Völkermord und jährlich findet eine nationale Gedenkwoche mit kollektiven Trauerveranstaltungen statt. Ruandas Regierung bemüht sich um eine Politik des Wiederaufbaus, der Einheit des ruandischen Volkes und der Versöhnung.

Der Weg nach vorne

Über Generationen hinweg vererbte Traumata aus der Kolonialzeit und nachkolonialen Entwicklungen sitzen beiden Bevölkerungen noch tief in den Knochen. Es wird Zeit, dass Deutschland für seine vergangenen Verbrechen einsteht, damit Namibier*innen wie auch Ruander*innen endlich Gerechtigkeit erfahren können. Aber auch die Vereinten Nationen, Frankreich und Belgien sollten im Fall von Ruanda eine deutliche Entschuldigung aussprechen. Belgien wegen seiner unrühmlichen Beteiligung an der Spaltung der angeblichen „Ethnien“, und Frankreich wegen seiner Unterstützung des Hutu-Regimes u.a. mit Waffen und die Taten seiner „Opération Turquoise“, durch deren Errichtung sicherer Zonen viele Génocidaires fliehen und an Ausstattung kommen konnten[13]. Ehemaliger Präsident Mitterand wurde zudem schon vor dessen Ausbruch vor einem Völkermord gewarnt, blieb jedoch untätig und unterstützte weiter das ehemalige Regime[14]. Eine Schlüsselfigur in der Organisation des Genozids spielte Habyarimanas Witwe, die bis heute unbehelligt in Frankreich lebt.

Die damaligen Kolonialmächte sollten für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden und aus ihren Fehlern lernen – damit Massenverbrechen wie in Ruanda oder Namibia niemals wieder geschehen.


[1] Bpb: Europa zwischen Kolonialismus und Dekolonialisierung

[3]https://www.genocide-alert.de/projekte/deutschland-und-massenverbrechen/herero-und-nama/

[4]https://www.liportal.de/ruanda/geschichte-staat/ 

[5]https://www.deutschlandfunk.de/vergessenes-kapitel-kolonialgeschichte.730.de.html?dram:article_id=102713 

[6]https://www.spiegel.de/politik/ausland/wieczorek-zeul-in-namibia-deutschland-entschuldigt-sich-fuer-kolonialverbrechen-a-313373.html

[7]https://www.kasa.de/aktuell/detail/erklaerung-des-bundesweiten-netzwerks-zur-dekolonisierung-der-erinnerungskultur/

[8]https://www.tagesschau.de/ausland/namibia-kolonialzeit-entschaedigung-101.html

[9]https://www.dw.com/de/blind-und-taub-deutschlands-rolle-beim-genozid-in-ruanda/a-18518886

[10]https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2016-07/voelkermord-herero-deutschland-kolonialismus-namibia/komplettansicht

[11]https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/namibia-bedauern-ohne-zu-bezahlen

[12]https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_in_Ruanda#Folgen

[13]https://www.sueddeutsche.de/politik/voelkermord-in-ruanda-blutige-spur-in-den-elysee-palast-1.3592390

[14]https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/frankreichs-rolle-kritik-an-der-historikerkommission-zu-ruanda-16146295.html