Sambia unter der Pandemie

Aber es ist nicht das Virus, das Sambia in diesen Schlamassel gebracht hat. Es ist der Präsident.[1]

 

Während in anderen Ländern – etwa Südafrika – die Minen mit der Regierung während des Lockdown darum rangen, die Arbeiter wieder unter Tage zu bringen, um weiter Rohstoffe fördern zu können, läuft der Hase in Sambia anders herum: hier untersagt die Regierung unter Präsident Lungu den Minengesellschaften, etwa Glencore, die Produktion für eine gewisse Zeit einzustellen. In beiden Fällen geht es nicht um den Schutz der Minenarbeiter, sondern um Profite. Sambias Wirtschaft basiert immer noch zu einem überwiegenden Teil auf die Einnahmen aus Rohstoffgewinnen. Diese sind aber unter Corona um etwa 30 Prozent gesunken, so dass die Regierung kaum Handlungsspielraum hat. Zumal fast die Hälfte des Steueraufkommens des Landes in den fließt.

Die Wirtschaft, die sich auch ohne Corona schon in einem prekären Zustand befand, bricht nun aufgrund des Rohstoffpreisverfalls, Schließung der meisten internationale Häfen und Flughäfen weiter ein. Die sambische Währung, der Kwacha, gibt ebenfalls nach.

Im Juni billigte Sambias Kabinett ein Konjunkturpaket von 8 Milliarden Kwacha (389 Millionen €), das durch eine Anleihe finanziert werden soll und damit die Schuldenlast des Landes weiter erhöht. In den letzten Jahren hat die Regierungspartei PF für Infrastrukturprojekte und die Bezüge des öffentlichen Dienstes stark verschuldet. Die Schulden in ausländischen Währungen oder gegenüber Ausländern verdreifachten sich zwischen 2014 und 2018 im Verhältnis zum BIP. Im Vergleich zur Mitte der 2000er Jahre sind die heutigen Gläubiger vielfältiger und die Zinssätze höher. Von den rund 12 Mrd. USD (51% des BIP) Auslandsschulden, die Ende 2018 in den Büchern Sambias standen, entfielen etwa 30% auf China, 25% auf Anleihegläubiger und 19% auf ausländische Banken. Die Weltbank, der IWF und westliche Regierungen halten einen relativ kleinen Anteil.

Aufgrund der derzeitigen Situation und den Herausforderungen angesichts der Corona-Krise haben zivilgesellschaftliche Organisationen weltweit zum Schuldenerlass aufgerufen. China hat bereits angekündigt, Sambia bei den Schulden entgegenzukommen. Eugene Kabilika, Geschäftsführer von Caritas Sambia, schloss sich dem Aufruf an: "Tausende, wenn nicht sogar Millionen von Sambiern stehen bereits vor verheerenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen, und der Ausbruch der Covid-19-Pandemie wird die Situation nur noch schlimmer machen. Ein dauerhafter Erlass der anstehenden Schuldenzahlungen an Sambia wäre der schnellste Weg, um die vorhandenen öffentlichen Mittel zur Bewältigung dieser beispiellosen Krise freizusetzen und Leben zu retten".[2]

Sambia meldet bisher 30 Todesfälle bei 1632 bestätigten Fällen, wobei die meisten in der Grenzregion zu Tansania auftraten. Die Regierung hat nach den ersten Lockerungen diesen Grenzübergang wieder geschlossen. Die zweite Konzentration findet sich in der Hauptstadt Lusaka. Dort leben rund 2,5 der 217,5 Millionen Einwohner*innen.

Sambia ist mit 23 Einwohner*innen pro km² verhältnismäßig dünn besiedelt. Doch die Probleme liegen außer in der Hauptstadt nicht im social distancing sondern in der Möglichkeit, Hygienemaßnahmen adäquat umzusetzen. Oft gibt es kein Wasser, geschweige denn Desinfektionsmittel oder Schutzkleidung. Lehrer*innen und Eltern wehren sich vehement gegen die Wiedereröffnung der Schulen, solange keine ausreichenden Schutzmaßnahmen getroffen werden können. Obwohl die Regierung versprochen hatte, bis zur Öffnung ausreichend Masken bereit zu stellen, ist nichts passiert. Und so müssen Schüler*innen und Studierende, die sich keine Maske leisten können, zuhasue bleiben.

Die Kluft zwischen den „haves“ und „have nots“ wird auch in Sambia immer größer. Es ist inzwischen bekannt, dass sich ärmere Menschen eher infizieren und mit größerer Wahrscheinlichkeit daran sterben. Lockdown und Quarantäne haben auf sie dramatischere Auswirkungen, da sie höhere Einkommensverluste erleiden: Sie haben keine Rücklagen, erhalten schon in normalen Zeiten unzureichende Löhne, haben keine soziale Absicherung und sind nicht in der Lage, von zu Hause aus zu arbeiten. Viele prekäre Jobs fallen ganz weg, wenn kleine, lokale und informelle Verkaufsmöglichkeiten verboten werden. Gleichzeitig steigen die Preise für Waren und Dienstleistungen unverhältnismäßig. Jugend- und Frauenorganisationen warnen, dass gerade in ärmlichen Verhältnissen aufgrund der Enge die Gefahr von häuslicher Gewalt exorbitant zunimmt, sämtliche Hilfsmaßnahmen aber aufgrund der Pandemie lahmgelegt sind.

Auch Kleinbäuer*innen werden ihre Ware nicht los, obwohl es gerade in den Städten zu Ernährungsengpässen kommt. Einige private Hilfsorganisationen versorgen die Menschen in den Ballungszentren mit den nötigsten Lebensmitteln, weil mit staatlicher Unterstützung nicht zu rechnen ist. „Mir ist keine systematische Verteilung von Lebensmittel an Bedürftige durch die Regierung wie etwa in Südafrika bekannt, aber es sollte unbedingt irgendeine Art von Unterstützung geben“, so Laura Miti, Menschenrechtsaktivistin und Geschäftsführerin eine kleinen NGO in Lusaka. Ihre Organisation Alliance for Community Action hat bereits 68 Familien mit einen Sack Mehl und Soja, getrockneten Fisch (Kapenta), Bohnen, und ein kg Salz versorgt – ein Tropfen auf den heißen Stein aber für die Familien ein riesen Unterschied.

Nichts aus dem angekündigten Konjunkturpaket, das die Schuldenlast des Staates erhöht und damit Sambia langfristig daran hindern wird, etwa das Gesundheitssystem auszubauen, wird bei den armen Menschen des Landes ankommen. Sie werden die Leidtragenden der Pandemie sein, in jeder Beziehung.


[1]https://www.economist.com/middle-east-and-africa/2020/05/02/zambia-was-already-a-case-study-in-how-not-to-run-an-economy

[2]https://www.caritaszambia.org/index.php/multi-media/newsroom?start=6