Together for Justice. Eindrücke aus der Konferenz der Kirchen in Cape Town

Wer kam zusammen?

Vom 14. bis 17. März fand am Campus für „Public Health“ der Universität von Western Cape die Konferenz „Together for Justice“ statt. Diese Konferenz hat insofern eine zentrale Bedeutung und kann zurecht als wichtiger Meilenstein in der Kooperation zwischen dem South African Council of Churches und der Evangelischen Kirche in Deutschland angesehen werden, als dass es sich dabei um die erste dieser Art handelte. Sie wurde partnerschaftlich geplant und durchgeführt. Diese Konferenz ist auch deshalb als wichtig einzustufen, weil die Leitungsgremien beider Institutionen partizipiert haben,  sowohl der EKD-Rat als auch der SACC waren auf der höchsten Ebene vertreten. Der EKD-Rat nahm sich sogar die Zeit, vor der Konferenz ein paar Orte, Projekte und Institutionen in Namibia und Südafrika zu besuchen. Zweitens spricht für diese Konferenz ihre Einbettung im Rahmen des Studienprozesses. Dieser hatte das Ziel, die Rolle deutscher Kirchen im Apartheidregime aufzuarbeiten. Die erste Phase dieses Studienprozesses befasste sich mit der Kolonialgeschichte der deutschen evangelischen Kirchen und ihren Missionsgesellschaften vom 19. Jahrhundert bis in die 1930, während die zweite Phase die Periode von 1930 bis 1990 abdeckte. Mit dieser Konferenz soll nun eine neue Phase eingeläutet werden, bei der es um die Normalisierung der Beziehungen gehen soll. Beide Parteien blicken auf sich selbst und auf ihre Beziehungen zueinander und identifizieren Kooperationsfelder. Dies unterstreicht auch die Bedeutung dieser Konferenz, die in ihrer Grundausrichtung zukunftsorientiert ist und letztlich einen stark vernetzenden Charakter hat. Dieser fand im Rahmen dieser Konferenz nicht nur zwischen deutschen und südafrikanischen Gruppen statt, sondern auch innerhalb der jeweiligen deutschen und südafrikanischen Gruppen, welche in der Konstellation, die diese Konferenz ermöglichte, selten oder kaum zusammen kommen. Besonders auf südafrikanischer Seite war es beeindruckend zu beobachten, wie viele verschiedene Konfessionen und Organisationen bei dieser Konferenz vertreten waren. Allein im Steering Komittee waren folgende Organisationen vertreten: South African Council of Churches, Desmond Tutu Centre for Spirituality and Society (UWC), Desmond and Leah Tutu Legacy Foundation (Cape Town), Beyers Naudé Centre for Public Theology at Stellenbosch, Ecumenical Foundation of Southern Africa Institute, Centre for Christian Spirituality und Kairos Southern Africa. Für viele dieser Institutionen war es ohne Zweifel bereits eine Bereicherung auf VertreterInnen von Konfessionen zu treffen, mit denen sie in ihrer Arbeit normalerweise wenig zu tun haben. Dies trifft besonders auf VertreterInnen pfingstlich-charismatischer Kirchen zu. Auch die deutsche Seite brachte VertreterInnen von Kirchen, kirchlichen Organisationen und Wissenschaft zusammen. Für sie war es ebenfalls eine neue Erfahrung, sich in dieser Konstellation auf dem afrikanischen Kontinent zu wieder zu finden.

Ziele und Verlauf der Konferenz

Das Steering Komitee hat für diese Konferenz folgende Ziele formuliert:

  1. Aktuelle Herausforderungen in Südafrika und Deutschland die zu erneuernden deutsch-südafrikanischen Partnerschaften kritisch zu reflektieren.
  2. Fundamente und Perspektiven für zukünftige Kooperationen zwischen deutschen und südafrikanischen Partnern in einer dekolonialisierten und globalen Welt verstehen zu lernen.
  3. Zur Verfügung stehende religiöse/ökumenische Ressourcen zur Überwindung aktueller gemeinsamer und jeweiliger Herausforderungen zu deuten, zu identifizieren und weise zu nutzen.
  4. Strategien und einen Umsetzungsplan für ein praxisorientiertes Engagement zu formulieren, aus dem Hoffnung und praktische Ergebnisse resultieren können.

Um diese Ziele zu erreichen, wurden drei Unterthemen (politische Gerechtigkeit, sozio-ökonomische Gerechtigkeit und ökologische Gerechtigkeit) auf die Tagesordnung gesetzt, welche mit unterschiedlichen Methoden (Vorträgen, Podiumsdiskussionen, liturgischen Elementen und World-Cafés) und in unterschiedlichen Sozialformen (Plenum, Kleingruppen) an jeweils einem Tag behandelt wurden.

Was und wie wurde diskutiert?

Sowohl die Hauptbeiträge als auch die Kurzinputs wurden so platziert, dass paritätisch VertreterInnen aus Deutschland und Südafrika zu Wort kamen. Auf diesem Weg wollten die VeranstalterInnen sicherstellen, dass ein Dialog zwischen den beiden Kontexten stattfindet. In der methodischen Einführung zur Veranstaltung wurden die Teilnehmenden ermutigt neben der Identifizierung von Problemen und deren Lösungsmöglichkeiten in ihren jeweiligen Kontexten auch Aufgaben und Themenfelder zu identifizieren, welche von beiden Kontexten von Interesse sind und partnerschaftlich angegangen werden können. Dieses „Aufeinander zugehen“  wurde in einigen der einführenden Beiträge vom ersten Tag und in einem der Keynote Speeches immer wieder eingefordert, gelang  aber  nur bedingt. Besonders der zweite Tag unter der Thematik „Sozio-ökonomische“ Gerechtigkeit erweckte den Eindruck, als würden die beiden Kontexte parallele Monologe führen. In Deutschland ist oft der Vorwurf zu hören, dass „die AfrikanerInnen die Schuld nur bei den Anderen suchten und sich nicht an die eigene Nase fassten“.

Wer diesen Diskussionstag in Kapstadt erlebte, musste sich fragen, ob dieser Vorwurf, der oft in die Welt gesetzt wird, um jegliche Verantwortung für die Missstände außerhalb von Deutschland und Europa von sich zu weisen, den geringsten Wahrheitsgehalt hat. Die Deutschen VertreterInnen vermochten es nicht, für ihre Themen konkrete Verknüpfungen mit dem südafrikanischen Kontext herzustellen. Aus der privilegierten Position Deutschlands heraus ist dies auch verständlich. Irritierend war es, dass die SüdafrikanerInnen meistens so diskutierten, als wäre ihr Land eine eigene Welt, die in keinerlei Beziehung mit der anderen Welt stünde, sofern sie überhaupt existiere. Ob sie von State Capture, von Landreform, von Armut, Ungleichheit oder Entwicklung sprachen, sie behandelten all diese Themen in der Regel als seien sie rein binnensüdafrikanische Themen, ohne jegliche Zusammenhänge zu anderen Kontexten.

Dies erinnerte mich zum Teil an Diskussionen, die im Rahmen des Weltsozialforums stattfanden, als VertreterInnen aus dem globalen Süden bewusst begannen, über ihre Probleme so zu diskutieren, als würde der globale  Norden nicht existieren. Dies war eine bewusste Option mancher prominenter zivilgesellschaftlicher Organisationen  aus dem Süden, die eine gewisse Enttäuschung gegenüber den progressiven zivilgesellschaftlichen Organisationen aus dem Norden zum Ausdruck bringen wollten. Die Botschaft lautete: „Wir erwarten nichts mehr von Euch“ und diese Botschaft kam gut an. Ich erinnere mich an einen Vertreter des Instituts für Theologie und Politik in Münster, der 2007 sehr irritiert aus dem Weltsozialforum in Porto Alegre zurück kam und über die Notwendigkeit sprach, „ernsthaft darüber zu diskutieren, was unsere Rolle als zivilgesellschaftliche Organisationen aus dem Norden sein soll.“ Seine Antwort war damals, dass diese Haltung bedeutet, dass wir uns intensiver auch mit unserem eigenen Kontext hier im Globalen Norden auseinandersetzen sollten, um zu Veränderungen unseres eigenen Kontextes beizutragen. Nur wenn wir beginnen, vom globalen Norden aus eine sichtbare Anwaltschaft, d.h. eine Art Abwehrfront gegen Maßnahmen unserer Politik zu bilden, welche dem globalen Süden schaden, können wir an Glaubwürdigkeit wieder gewinnen.

In Kapstadt war es keine bewusste Entscheidung. Der hier geschilderte Eindruck war zu einem gewissen Maß der Tatsache geschuldet, dass die notwendigen fehlenden Abstimmungsprozesse, die im Vorfeld alle Beteiligten auf diese gemeinsame strategische Ausrichtung der Beiträge hätte vorbereiten müssen, nicht stattgefunden haben. Aus meiner Perspektive ist der Hauptgrund eher in der Frage zu suchen, die Sarojini Nadar von der Desmond Tutu Foundation am ersten Tag prägnant auf den Punkt gebracht hatte: sie hatte die Teilnehmenden an der Konferenz ermutigt, in den nächsten zwei Tagen kritisch danach zu fragen, wer bei dieser Konferenz präsent ist und wer vermisst wird. Ohne Zweifel gibt es in Südafrika, zahlreiche Organisationen, besonders im „nicht-kirchlichen“ Raum, die durch die Themen, mit denen sie unterwegs sind und die Art, wie sie diese Themen behandeln, diesen Dialog zwischen den beiden Kontexten hätten bereichern können. Die Jugend war zwar vertreten, aber deutlich in der Minderheit. Ausgerechnet von VertreterInnen der Jugend kam die Zuspitzung dieser Problematik des zweiten Tages als eine junge Studentin von der Universität von Stellenbosch die Frage stellte, die manchen aus der deutschen Delegation unangenehm vorgekommen sein durfte: „Warum seid ihr hier? Seid ihr hier, um uns zu beobachten, wie wir über unsere Probleme reden oder gibt es konkrete andere Gründe für Eure Anwesenheit hier? Wenn ja, welche?“ Diese Fragen verdienen aus meiner Perspektive eine intensivere Auseinandersetzung, als dies während der Konferenz  besonders am zweiten Tag der Fall war. Es geht letztendlich um die Frage: „Gehen wir wirklich aufeinander zu und warum sollten wir aufeinander zugehen?“

Was am zweiten Tag schwierig erschien, gelang am letzten Tag besser. Dieser stand unter der Thematik „Ökologische Gerechtigkeit“. Die Hauptvorträge hielten Imme Scholz vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik und Kumi Naidoo, dem ehemaligen Direktor von Greenpeace und künftigem Leiter von Amnesty International. Beide Vorträge zeigten, dass die zunehmenden Ungleichheiten zwischen und innerhalb der Länder und die damit einhergehende Zerstörung der Ökosysteme systemischer Natur sind. Global gesehen führen wir ein Leben, das wir uns nicht mehr leisten können und das vor allem das Überleben der zukünftigen Generationen aufs Spiel setzt. Sie stellten die Frage in den Vordergrund, wer von der jetzigen Ausbeutung der Natur profitiert und wer auf der Verliererseite steht. Am Beispiel der extraktiven Industrie zeigten sie, dass der Abbau von Ressourcen mit der damit verbundenen Zerstörung des Ökosystems im globalen Süden stattfindet, während die Profite systematisch in den globalen Norden verschifft werden. Beide Referenten plädierten dafür, Wohlstand neu zu definieren, weg zu kommen von der Fixierung auf ein Wirtschaftswachstum, welches die Rechte der Natur, die Rechte der Mehrheit der Menschen auf ein würdiges Leben und die Rechte künftiger Generationen nicht berücksichtigt. Dies muss Konsequenzen für die Art und Weise haben, wie wir produzieren, konsumieren und wie wir leben. Die Menschheit hat die Wahl zwischen dem „Verschwinden“ und der Einleitung konkreter Maßnahmen, um die Koexistenz mit der Natur zu ermöglichen und somit die Zerstörung der Biodiversität und das Voranschreiten des Klimawandels zu stoppen. Länder wie Deutschland, die im Zentrum des dominierenden zerstörerischen Systems stehen, haben eine große Verantwortung. Sie müssen aus einer kurzfristigen Interessenpolitik heraustreten, um die radikalen Veränderungen anzustoßen, derer es bedarf. Auch Länder wie Südafrika haben die Verantwortung, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die ihnen zu einer Verbesserung der Umstände zur Verfügung stehen. Dies ist zum Beispiel der Fall in der Energiegewinnung, wie Kumi Naidoo betonte. Er brachte dies auf den Punkt, als er die juristische Aktion der südafrikanischen Gewerkschaft NUM erwähnte, welche die Umsetzung eines vom Parlament verabschiedeten Erneuerbare Energien-Gesetzes per Gerichtsverfahren mit der Begründung blockieren hat lassen, sie gefährde Arbeitsplätze in der Kohleproduktion. Daraufhin fragte Kumi Naidoo, ob es denn Jobs auf einem toten Planeten geben könne.

Nach diesen beiden Inputs wurde deutlich, dass angesichts der Kurzsichtigkeit und der Machtverhältnisse in der globalen politischen Arena[1] die Hoffnung nur durch starke Solidarität und Partnerschaften von der Basis her kommen kann, vorausgesetzt diese sind auf die Transformation und nicht auf die Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse ausgerichtet. Auf Kirchen kommt eine große Verantwortung zu und diese muss sich im Blick darauf messen lassen, was sie als Institutionen in allen Kontexten, in denen sie leben, bewirken.  Sarojini Nadar brachte die Rolle der Kirchen in ihren einführenden Worten auf den Punkt, als sie folgendes formulierte: „Es interessiert mich nicht, was Du glaubst. Sag mir, was sich dadurch ändert, dass du glaubst.“ Bischof Bedford-Strohm sah in seinem Vortrag die Kirchen als „central givers of Reputation“, als „agents of Reputation.“ Was bedeutet „Reputation“ in einer Welt des systematischen „Ausschließens“ der Armen und der Natur. Kumi Naidoo brachte in Anlehnung an M. L. King Jr. die „Option für die Optionen“ der Armen ins Spiel: „Go to the people, live with them, struggle with them“. Er zitierte M. L. King aus seiner Rede „Proud to be maladjusted“, in der er u.a. für die Schaffung einer Institution „The International Association for the Advancement of Creative Maladjustmenteintritt. In dieser berühmten Rede aus dem Jahr 1963 sagte er u.a., dass er nie versucht habe, sich an ein ökonomisches System anzupassen, das von den Armen das Nötige stiehlt, um dem Luxus von ein paar Wenigen zu dienen.

Wie weit haben sich die Kirchen heute an ein System angepasst, das zerstörerisch für Mensch und Umwelt ist? Und was muss in ihren Beziehungen zueinander und in ihrem Handeln in den jeweiligen Kontexten passieren, damit sie zu ihrer prophetischen Rolle zurückfinden? Die Konferenz „Together for Justice…“ in Cape Town konnte nur den Anfang der Auseinandersetzung mit dieser Frage darstellen. Sie hat einige der zentralen Fragen auf den Tisch gebracht und die Notwendigkeit aufgezeigt, den Dialog fortzusetzen. Dies wurde auch in der Abschlusserklärung[2] festgehalten, die kurz vor dem abschließenden ökumenischen Gottesdient verabschiedet wurde. Die Predigt in diesem Gottesdienst hielt Frank Chicane, dem ehemaligen Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrats und der südafrikanischen Regierung unter Thabo Mbeki. Im Zentrum seiner Botschaft stand ein dezidiertes Plädoyer für Solidarität mit Palästina. Seine pointierten Aussagen und seine Wortwahl sorgten für kontroverse Diskussionen in der deutschen Delegation.


[1] Kumi Naidoo sprach davon, dass EntscheidungsträgerInnen bei allen wichtigen Themen seit Jahren eine Art „political pocker“ spielen.

[2] https://www.kasa.de/fileadmin/user_upload/downloads/news/kasa/2018_04_04_gemeinsam_fuer_gerechtigkeit_erklaerung.pdf