Wanderarbeit im 21. Jahrhundert am Beispiel von Swasiland

Swasiland – oder wie König Mswathi III. an seinem Geburtstag verordnete: eSwatini – ist erst seit kurzem eines der Schwerpunktländer der KASA und war damit in diesem Jahr auch zum ersten Mal Teil der Dienstreise. Beschäftigt haben wir uns in den letzten Jahren allerdings immer wieder mit dieser kleinen absoluten Monarchie: sei es, weil dort der SADC People‘s Summit stattfand oder weil Minenarbeiter, die im Marikana-Massaker erschossen wurden, von dort stammen.

Betty Gadlela zum Beispiel, kommt aus Swasiland. Ihre Geschichte haben wir bereits in der ersten Ausstellung über die Witwen von Marikana1 veröffentlicht. Wir haben sie in diesem Jahr2 wieder getroffen und ihre Geschichte wird in dem in Kürze erscheinenden Buch über Swasiland3 ebenfalls zu lesen sein. Über Betty haben wir Vama Jele kennen gelernt, den Generalsekretär der Swaziland Migrant Mineworkers Association (SWAMMIWA). Mit ihm haben wir einige Witwen und ehemalige Minenarbeiter in ihren Heimatdörfern besuchen können.

Die Swaziland Migrant Mineworkers Association (SWAMMIWA) wurde 1993 gegründet, um für die Interessen von Minenarbeitern, ehemaligen Bergarbeitern, ihren Familien und Gemeinschaften gegenüber dem südafrikanischen Staat sowie den Minengesellschaften einzutreten. Ganz oben auf der Liste dieser Interessen standen Rentenansprüche sowie Entschädigungszahlungen für Verletzungen und Krankheiten, insbesondere Tuberkulose, Silikose (Staublunge), sowie HIV und AIDS.

Dramatische Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft Swasilands haben zum einen die Wanderarbeit als solche, dann die Silikoseerkrankungen und die unbezahlten Entschädigungen. Nicht nur fehlt die Arbeitskraft der Männer in den ländlichen Regionen, wenn sie zurückkehren sind sie oft krank und mittellos, was die Großfamilien kompensieren müssen. TB und Silikose haben dazu geführt, dass die Zahl der Waisen, der gefährdeten Kinder, der Haushalte ohne Erwachsene oder mit Großeltern bzw. Alleinerziehenden gestiegen ist. Die größte Herausforderung für Swasiland besteht nach wie vor darin, die Ausbreitung von TB und HIV zu stoppen und die Auswirkungen auf die Gesellschaft umzukehren.

Für die Gemeinschaften, in denen entweder viele Witwen von Minenarbeitern oder ehemalige Minenarbeiter leben, ist die Suche nach Einkommens schaffenden Maßnahmen eine große Herausforderung. Hier setzt SWAMMIWA an. Denn oft sind die Entschädigungszahlungen oder Renten so klein, dass sie nicht zum Leben reichen, wohl aber für kleine Investitionen genutzt werden können, die dann dauerhaftes Einkommen versprechen. Die Organisation versucht, genossenschaftliche Projekte wie etwa Ziegenhaltung zur Fleischgewinnung oder Rinderzucht für Milchproduktion ins Leben zu rufen und die Gruppen zu betreuen.

Zwei dieser Projekte in der Region Bhumanengi im Mpolonjeni Chiefdom konnten wir zusammen mit Vama Jele besuchen. Allein die Fahrt dorthin ist schon ein Abenteuer. Eine neue Straße zum King Mswati III. International Airport, wurde zwar extra für die Besucher/innen der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika gebaut und um den regionalen Luftverkehr anzukurbeln – aber erst vier Jahre später fertiggestellt. Ansonsten bestehen die meisten Teerstraßen hauptsächlich aus Schlaglöchern. Da sind die Sandpisten oft noch einfacher zu befahren. Doch sobald man sich abseits der wichtigen Verkehrsverbindungen befindet, ähnelt die Straße mehr einem ausgewaschenen Flussbett. Die weit verstreut liegenden Gehöfte der Menschen zeigen die extreme Armut schon auf den ersten Blick. Auch wenn es in den letzten Wochen geregnet hat, ist die Vegetation geprägt von ansonsten anhaltender Trockenheit. Zum Fluss – und damit zur nächsten Wasserstelle für Mensch und Vieh - sind es gut zwei Kilometer. Auf Nachfrage erzählt ein Ältester, dass sie die Auswirkungen des Klimawandels massiv zu spüren bekommen, dass die Region immer trockener wird, das Wasserproblem immer dringlicher.

Wir besuchen eine Kooperative, die SWAMMIWA aufgebaut hat. Die vier ehemaligen Minenarbeiter und acht Witwen haben zusammen drei Milchkühe von ihren Entschädigungen gekauft und vertreiben die Milch direkt von ihrem Melkstand aus. Die Nachfrage ist groß, doch die Kühe und Kälber haben nicht genügend Weidefläche, um wirklich viel Milch produzieren zu können. Sie haben mit den üblichen Erkrankungen der Tiere zu kämpfen, doch die staatliche Versorgung mit Impfstoffen ist lückenhaft und teuer. Oft kauft Vama Jele den Impfstoff für sie in Südafrika für einen Bruchteil des Geldes. Es gibt zwar inzwischen einen solarbetriebenen Brunnen, doch die Kooperative braucht mehr Weidefläche. Und trotzdem macht das Projekt einen Unterschied für die Mitglieder der Kooperative, deren Familien und besonders auch für die schutzbedürftigen Menschen in der Gemeinschaft, weil sie von der Produktion direkt profitieren.

Das zweite Projekt, das wir besuchen, kämpft ebenfalls mit vielen Herausforderungen. Hier sind es Ziegen, die für die Fleischproduktion gehalten werden. Immer wieder werden Tiere gestohlen und obwohl die Kooperative dem Chief den Verlust gemeldet hatte, ist bisher nichts passiert. „Wir müssen die Gemeinschaft davon überzeugen, dass das Projekt allen nützt, damit sie es als ihr Projekt ansehen und es nicht zerstören“, resümiert Vama Jele bei dem Gespräch mit den Mitgliedern des Projekts. Die überwiegend von Witwen geführte Kooperative hat wenig Erfahrung mit Tierhaltung. Tiere sind eher Männersache in der Region, so dass die Frauen den Umgang und die Pflege erst erlernen müssen. Der Ertrag, den der Verkauf einer Ziege bringt, kann sich allerdings sehen lassen. Und das Konzept sieht vor, dass jedes Mitglied langfristig eine eigene Ziege erhält - als Grundstock für eine Herde.

Zum Schluss besuchen wir noch Diniwe Dlamini und seine Frau Thabsile. Als sie heirateten, erzählt Vama, war Diniwe nur Haut und Knochen aufgrund seiner Silikoseerkrankung. Heute, dank der Pflege seiner Frau und mit Hilfe der Entschädigung, die SWAMMIWA für ihn erstritten hat, lebt er mit drei Kindern und vier Enkelkindern in einem gut gepflegten Gehöft. "Mit der Entschädigung konnte ich meiner Schwester ein Haus und eine Toilette bauen. Ich habe begonnen, Hühner zu züchten, Mais zu pflanzen und etwas auf die Seite zu legen, um meine Kinder zur Schule zu schicken. Thabsile hat mit anderen Frauen eine Nähwerkstatt eingerichtet und würde gerne Schuluniformen nähen. Sie haben aber nicht genügend Kapital, um den Stoff dafür zu kaufen und suchen nach Kreditmöglichkeiten, bisher vergeblich.

Während der König und seine Familie im Überfluss schwelgen, wissen seine Untertaten nicht, wo sie die Mittel zum Überleben hernehmen sollen. Überall herrscht Mangel, jede Initiative stößt an Grenzen, weil keinerlei staatliche Unterstützung zu erwarten ist. Geldmangel, fehlende Infrastruktur, keinerlei Förderung von Eigeninitiative und nirgends die Möglichkeit, Fort- oder Weiterbildungsangebote wahrzunehmen bestimmen die Lebensumstände.

Die Organisation der ehemaligen Minenarbeiter versucht hier ganz konkret, den Menschen eine Perspektive zu geben. Die Männer, die ihre Jugend und Gesundheit in den Minen Südafrikas gelassen hatten, um für unseren Wohlstand Gold, Platin oder andere Metalle abzubauen, haben ohne solche Initiativen keine Zukunft. Sie verdienen ein besseres Leben. Eines, da ihnen ermöglicht, bei ihren Familien zu bleiben, dort ein Auskommen zu haben, ihr Land zu bestellen und von staatlichen Investitionen zu profitieren…

 

1 https://www.kasa.de/fileadmin/user_upload/downloads/publikationen/kasa/kasa_2014_wir_werden_uns_gehoer_verschaffen.pdf

2 siehe Artikel „Wiedersehen mit den Witwen von Marikana

3 EMW, KASA (Hrsg): Swasiland – Monarchie ohne Menschenrechte. Hamburg, April 2018