We are not safe! We are in a dark place! Gewalt gegen die Schwachen und Ausgegrenzten

Südafrika feiert 25 Jahre Demokratie. Im April 1994 konnten zum ersten Mal alle Bürger*innen wählen, die politische Apartheid wurde abgeschafft. Doch für rund die Hälfte der Bevölkerung des Landes hat diese Freiheit weder Gleichheit noch wirtschaftliche Verbesserungen gebracht. Vielmehr sind die Opfer der Apartheid nach wie vor die Verlierer*innen der Globalisierung und der wirtschaftlichen Öffnung hin zum neoliberalen Kapitalismus.

„Das ist nicht das Land, für das wir gekämpft haben! Wir müssen die zugrunde liegenden Ursachen, die zu den Gewaltexzessen geführt haben, herausfinden und bekämpfen. Wo und wann ist etwas falsch gelaufen so dass wir jetzt in unseren Familien Mörder und Vergewaltiger großgeziehen?“

Graça Machel sprach als Kanzlerin der Universität von Kapstadt auf der Trauerfeier von Uyinene Mrwetyana, die im August in einem Postamt ermordet worden war. „ Wir sind eine Gesellschaft, in der Frauen – und auch Kinder – nicht sicher sind, nirgends.“ In Südafrika werden nach offiziellen Angaben täglich mindestens 137 Sexualdelikte begangen, vor allem gegen Frauen. Laut der Frauenministerin Maite Nkoana-Mashabane wurden im vergangenen Monat mehr als 30 Frauen von ihren Ehepartnern getötet. Der Tod Uyinenes brachte das Fass zum Überlaufen und löste Massenproteste von Frauen aus. Sie marschierten am 5. September zum Parlament. Zur gleichen Zeit brannten in Johannesburg Geschäfte von Menschen aus anderen afrikanischen Ländern, Banden verwüsteten und plünderten Läden und nicht-südafrikanische Lastwagenfahrer wurden angegriffen. Vielerorts griff die Polizei zu spät ein oder schaute sogar zu, wohl wissend, dass sie weder über die technischen Voraussetzungen noch über die entsprechende Ausbildung verfügt, um dem eine Ende zu setzen.

Was ist also schiefgegangen? Machel macht in ihrer sehr bewegenden Rede deutlich, dass es keine vorschnellen Antworten darauf gibt, dass es einer gründlichen Analyse bedarf, um entsprechende Maßnahmen ergreifen zu können. Dazu fordert sie gerade die Universität mit ihren Forschungseinrichtungen auf. Denn auch wenn die zugrundeliegenden, sozio-ökonomischen Ursachen überdeutlich sein mögen, sind es die Lösungen keinesfalls – oder zumindest sehr umstritten und von Vorurteilen bestimmten Interessen geleitet.

Nach der erweiterten Definition sind mehr als 10 Millionen Menschen arbeitslos, 38,5 Prozent der Personen, die arbeiten könnten. 30 Prozent der Südafrikaner*innen haben keinen Zugang zu fließendem Wasser; 13 Prozent leben in informellen Wohnungen. Derzeit führt Südafrika mit einem GINI-Index von 63,4 die Liste der einkommensungleichsten Länder an. Gleichzeitig zählt die südafrikanische Wirtschaft zu den stärksten auf dem Kontinent. Jobless Groth, Wachstum, ohne dass dadurch Arbeitsplätze entstehen, ist einer der Hauptgründe für die Situation Südafrikas.

Kolonialismus und Apartheid haben die gesellschaftlichen, kulturellen und familiären Strukturen zerstört und das neoliberale Wirtschaftssystem ist nicht gewillt oder in der Lage, Wunden zu heilen. Im Gegenteil, die Benachteiligten im alten System hatten keine Chance in der freien Marktwirtschaft, da ihnen jedwede Voraussetzung für einen Konkurrenzkampf mit den Privilegierten fehlte. Jahrhunderte lange Gewalterfahrung zerstört jede Vorstellung davon, wie ein Konflikt anders gelöst werden könnte. Und die zunehmende Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit zerstört den letzten Rest Menschenwürde, der im Befreiungskampf aufrechterhalten werden konnte. Unkontrollierte Gewaltausbrüche an den noch schwächeren, an denen, die erreichbar sind, ist die Folge

Organisationen wie die Rural Women’s Assembly fordern den Präsidenten auf, Ressourcen freizugeben, mit denen etwa Sondergerichte etabliert, Sozialarbeiter*innen in Schulen eingestellt, Polizist*innen und Erzieher*innen besser ausgebildet werden können. Das wäre sicher ein Anfang, doch ihre eigentliche Forderung geht deutlich weiter. Es ist das patriarchale System, das Gewalt gegenüber Frauen erst zulässt, dessen Strukturen die Ursache für die Gewalt gegen Frauen erst ermöglicht. So sind auch in Südafrika Frauen meist schlechter bezahlt als Männer. Sie werden einerseits in denselben jobs schlechter bezahlt und erhalten oft schlecht bezahlte Jobs, etwa als Hausangestellte oder Putzkräfte. Dadurch gehen in Familien, wenn überhaupt, Frauen arbeiten und sorgen für den Lebensunterhalt, wenn auch mehr recht als schlecht. Das führt in vielen Fällen zu häuslicher Gewalt, da die Männer ihrer zugeschriebenen Rolle als Ernährer nicht gerecht werden können und die Ursache dafür in der Frau, nicht aber im System suchen.

Doch wie das System ändern, wie das Patriarchat abschaffen? Gegen diejenigen, die aufgrund dieses Systems überhaupt Macht erlangt haben?

Der Südafrikanische Kirchenrat SACC beschreibt in seinem Statement einen der Ursachen für die Ausschreitungen gegen Migrant*innen: „Im Mittelpunkt dieser Proteste stehen die Fragen des Wettbewerbs um knappe Beschäftigungsmöglichkeiten und die Überzeugung, dass vor allem ausländische Afrikaner*innen Teil des Problems sind.“

Derzeit leben etwa 2,5 Millionen Migrant*innen aus afrikanischen Ländern in Südafrika – mit und ohne staatliche Erlaubnis. Menschen aus asiatischen Ländern sind seltener Angriffen und Gewalt ausgesetzt, am wenigsten trifft es die europäischen Migrant*innen.

Offizielle bezeichnen die Attacken gerne als kriminelle Akte, die von Verbrechern begangen worden seien. Fremdenfeindlichkeit/Xenophobie wird totgeschwiegen, ist rechtlich gesehen, kein Verbrechen, das zur Anklage gebracht werden könnte.

"Wir neigen dazu, den Ausbruch von Gewalt kriminellen Elementen zuzuschreiben. Ich glaube aber, dass dies nur eine Abkehr von den tief verwurzelten fremdenfeindlichen Gefühlen und Einstellungen in unserem Land ist", sagt Nomfundo Mogapi, die Geschäfstführerin des Centre for the Study of Violence and Reconciliation. "Diese Gefühle richten sich vor allem gegen die Menschen des afrikanischen Kontinents und spiegeln den verinnerlichten Hass auf uns selbst wider. Es ist ein zutiefst psychologisches Problem.“

Dr Zaheera Jinnah, Researcher am African Centre for Migration & Society der Universität von Witwatersrand, sieht den Staat im Krieg mit sich selbst: Die Regierungspartei ANC ist in Franktionen zersplittert und hat ein Jahrzehnt lang den Staat für eigene politische Zwecke missbraucht. Zurück blieb ein Apparat, der politisch und institutionell unfähig und nicht willens ist, seinen grundlegenden Zweck zu erfüllen, nämlich den Dienst am Volk durch gute Regierungsführung und hochwertige und verfügbare Dienstleistungen. Demgegenüber steht eine zunehmend verärgerte und frustrierte Bevölkerung, deren Nöte auf taube Ohren treffen, die keinen Ausweg mehr sehen.

Schon in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts wurde deutlich, dass die Politik nur auf die Straße reagiert, wenn etwas oder jemand brennt, denn nur dann berichten die Medien darüber, nur dann werden die Politiker*innen durch das öffentliche Interesse zu einer Reaktion gezwungen. Das rechtfertigt nicht Gewalt, zeigt aber die Mechanismen auf, die wie in Wellen immer wieder Südafrika heimsuchen. So lange, bis sich grundlegend im System etwas ändert.

Während Thabo Mbeki seine Präsidentschaft vor allem darin sah, Südafrika heruas aus der Isolierung zurück auf den Kontinent zu bringen, stellt der Philosoph Achille Mbembe die Frage, ob das „Afrika“ im Namen eine Idee verkörpere oder eine rein geografische Bezeichnung sei.

Für Mashupye Maserumule, Professor für Öffentliche Angelegenheiten an der Tshwane University of Technology, liegt die Ursache unter anderem in der „Internalisierung der Intoleranz der Unterschiede“. Dies erkläre die soziale Desorientierung, die Ausländer*innen als "unbekannte Andere" grundsätzlich misstraut. Unterstützt wird dies durch die Betonung des Individualismus auch im Wirtschaftssystem, das zeitgleich unter Thabo Mbeki manifestiert und ausgebaut wurde. „Eine Gesellschaft, die so organisiert ist, dass die Rechte und Freiheiten des Einzelnen geschützt und die Märkte sich selbst überlassen sind, hat eine insulare Nationalität hervorgebracht. Dies übertrifft das Streben nach einer gemeinsamen afrikanischen Identität. Aus diesem Grund verwandelt sich der Nationalismus mit zunehmenden sozioökonomischen Missständen der Bürger, vor allem wegen der schlechten Leistung der Wirtschaft, in einen Hurrapatriotismus. Die Ausländer*innen werden zu Sündenböcken.“

Zunächst muss die Tatsache, dass es solche afrophoben Gefühle in Südafrika gibt, offiziell anerkannt werden, bevor sie überhaupt bearbeitet werden können. Maserumule plädiert dafür, dass die Bedeutung des Panafrikanismus des Afrikanischen in Südafrika, das nach Mbeki abhandengekommen ist, wieder an Bedeutung gewinnt. Denn die Philosophie des Ubuntu – ich bin weil wir sind – funktioniert nur, wenn sie sowohl im kleinen, als auch im großen Kontext Anwendung findet.