Afrika neu denken. Afrika-Diskurs I: Potenziale. Akteure. Zukunftswege

Zahlreiche Menschen aus afrikanischen Ländern leben in Deutschland: Sie selbst oder ihre Eltern und Großeltern sind aus den verschiedensten Gründen eingewandert. Sie studieren und arbeiten hier, sie treffen sich in Gemeinden und vernetzen sich in eigenen Communities. Und sie pflegen teils sehr intensive Kontakte mit ihren Herkunftsländern. Trotz ihrer Kompetenz sind sie jedoch in Deutschland nur selten an Diskussionen und Entscheidungsprozessen zur Zukunft der afrikanischen Regionen beteiligt. Der Diskurs über die „Zukunft Afrikas“ wird stattdessen von Akteuren der Entwicklungshilfe-Industrie und selbsternannten Afrika-Experten dominiert. Das führt dazu, dass nach wie vor festgefahrene Bilder von „Armut“ und „bad governance“ diesen Diskurs in der Öffentlichkeit prägen.

Diese Konferenz bot dagegen Menschen aus afrikanischen Ländern ein Forum, die hier leben und in verschiedensten Bereichen aktiv sind, sowie Menschen, die sich für Afrika interessieren und bereit sind, sich auf andere als die vorherrschenden Perspektiven einzulassen: Es ging darum, eigene Afrika-Konzepte zu entwickeln und Netzwerke zu identifizieren oder zu bilden, um diese Konzepte umzusetzen.

Großer Wert wurde auch darauf gelegt, „best practices“ aus anderen Ländern vorzustellen – mit dem Ziel, Aktionsmöglichkeiten für den deutschen Kontext sichtbar zu machen.

Dr. Boniface Mabanza für den Trägerkreis Afrika-Konferenz

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Pressemitteilung vom 29.09.2023

Über 100 Mitglieder afrikanischer Diaspora-Gemeinschaften, afrikanisch-deutscher Vereine, kirchlicher und nichtkirchlicher Organisationen und viele einzelne Personen diskutierten von 27. bis 28. September in Frankfurt am Main über „Akteure, Potentiale und Zukunftswege“ der afrikanischen Diaspora in Deutschland. Die Konferenz „Afrika neu denken“ stand unter der Schirmherrschaft des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann.

Zentral war in allen Vorträgen und Diskussionen der Hinweis auf das große Potential der afrikanischen Diaspora in Deutschland. Das Bedürfnis nach einem stärkeren Selbstbewusstsein und die gemeinsame afrikanische Identität als Teil der deutschen Gesellschaft wurde gerade von jugendlichen Teilnehmerinnen betont. Selbstkritisch angemerkt wurde die noch zu oft wenig effektive Selbstorganisation der afrikanischen Diaspora im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Angesichts des guten Verlaufs der Veranstaltung äußerten die TeilnehmerInnen den Wunsch nach einer Fortsetzung des Frankfurter Afrika-Diskurses in 2014.

Zum Programm

Der Schriftsteller und Journalist Charles Onana (Frankreich/Kamerun) zeigte eindrücklich, wie die Rolle von Menschen afrikanischer Herkunft systematisch in der europäischen Geschichtsschreibung negiert wird, um eine weiße Geschichte zu erhalten. Dieses historische Potential afrikanisch-europäischer Identität zu erschließen und weithin bekannt zu machen, wurde als eine zentrale Aufgabe benannt. Eine am Ende der Konferenz eingerichtete Arbeitsgruppe wird sich dieser Aufgabe widmen.

Tzegha Kibrom, Trainerin und Organisationsberaterin bei Diversity Works (Berlin/Eritrea), informierte über die potentielle Macht von sogenannten „Rücküberweisungen“ von Europa nach Afrika: Zum Beispiel bestehe etwa ein Drittel des Staatshaushalts von Togo aus solchen Überweisungen der togolesischen Diaspora. Rahime Diallo vom bundesweiten Verband Migrantischer Experten MEPA e.V. (Berlin/Guinea) wies darauf hin, dass diese Macht der Diaspora zunehmend von afrikanischen Staaten erkannt und genutzt wird. Daher sei es dringend nötig, zivilgesellschaftliche Strukturen der afrikanischen Diaspora zu etablieren, um selbst professionell und effektiv Einfluss nehmen zu können. In Nordrhein-Westfalen, dann auch auf europäischer Ebene baute er mit der Afrika-Europa-Plattform AEP als verantwortlicher Koordinator solche Strukturen auf.

Der Unternehmensberater und Wirtschaftsjournalist Ibrahim Gueye (Düsseldorf/Senegal) warb nachdrücklich für politische Lobbyarbeit auf Landes- und Bundesebene: Wer den Einfluss auf die Außen- und Wirtschaftspolitik mit afrikanischen Staaten erhöhen will, muss als Lobbygruppe in den Parlamenten präsent sein. Es sei wenig hilfreich, dass sich nur 20 % der Afrodeutschen an Wahlen beteiligten. Auch die Freiburger CDU-Stadträtin Dr. Sylvie Nantcha (Kamerun) betonte die Bedeutung des Networking von Deutschen afrikanischer Herkunft in politischen Aktionsfeldern.

Auf die fatale Funktion von Afrika-Klischees und den mit ihrer Hilfe aufrecht erhaltenen Teufelskreis wies Veye Tatah, Chefredakteurin der Vierteljahreszeitschrift AFRICA POSITIVE, hin. Auch kirchliche Hilfsorganisationen nutzen etwa die Bilder von hungernden Kindern für ihre Spendenwerbung und reduzieren „Afrika“ damit auf eine Krisenidentität von Hunger, Krieg und Aids. Eine Beziehung auf Augenhöhe wird so konsequent verhindert. Zudem wirken diese Bilder auch auf die Kinder afrikanischer EinwanderInnen: Die „Dekolonisierung des Denkens“ in der afrikanischen Diaspora war daher ein wichtiges Thema der Konferenz.
 


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Förderer der Afrika-Konferenz 2013