Wasserknappheit und Uranabbau: Ein Besuch in Chirundu, Sambia

Der Name ist Programm: Centre for Environmental Justice, eine kleine, in jeder Beziehung junge Organisation in Sambia, die versucht, mit ihrer Lobby- und Kampagnenarbeit konkrete und sichtbare Veränderungen für Gemeinschaften zu erzielen, mit denen sie zusammenarbeitet. Wir haben die Partner-Organisation von Brot für die Welt bereits bei unserer letzten Reise besucht und waren sehr begeistert von ihrer Power, ihrem hohen Reflexionsgrad und ihren Ansätzen. Sie haben es sich zum Ziel gemacht Menschen zu befähigen, sich für Umweltgerechtigkeit zu engagieren, zu verhandeln und einzusetzen und gleichzeitig zu einer nachhaltigen Entwicklung in all ihren Aspekten beizutragen. Dabei beginnen sie auf lokaler Ebene unter Einbeziehung aller wichtigen Stakeholder und nehmen Gendergerechtigkeit ebenso ernst wie die Meinung der einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft, mit und in der sie arbeiten. Davon konnten wir uns auf unserem Besuch in Chirundu überzeugen.

Gemeinsam mit der Geschäftsführerin Maggie Mapalo Mwape, dem Programmkoordinator Ricky Kalaluka und dem Fahrer Patrik konnten wir Teil des Projektbesuchs in Chirundu sein. Im Rahmen eines WWF-Programms sollten neben der bereits identifizierten Wasserproblematik weitere wichtige Herausforderungen für die Menschen vor Ort herausgearbeitet werden.

Tag 1: Musawa

Nach einem ersten Gespräch mit der Distriktverwaltung in Chirundu treffen wir eine große Delegation verschiedener Dörfer im Bezirk Musawa. Begleitet hat uns eine Delegation aus der Distriktverwaltung, darunter der Landrat und Mr. Ngoma, der Distriktplaner. Auf dem Weg zur Versammlung gehen wir durch ein ausgetrocknetes Flussbett, das seit etwa 10 Jahren kein Wasser mehr führt, dessen kleine Staumauer ebenfalls seit Jahren zerfallen ist und so auch bei Regenfällen kein Wasser für die Dörfer zurückhält. Die Wasserstelle für rund 4000 Menschen ist ein von Hand gegrabenes Loch, in dem sich langsam – zumindest sauberes - Grundwasser sammelt, das dann meist von Frauen über bis zu zehn Kilometer weit getragen werden muss. Eimer hinter Eimer reihen sich an der Wasserstelle, die nach der Versammlung mit nach Hause getragen werden.

Zugang zu ausreichend Wasser zum Trinken und für die persönliche Hygiene wurde von der UN-Generalversammlung 2010 als Menschenrecht anerkannt. Mit dem SDG 6 hat dies Eingang in die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen gefunden, die weltweit der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen sollen. Sie traten am 1. Januar 2016 mit einer Laufzeit von 15 Jahren (bis 2030) in Kraft.

Von Chirundu aus betrachtet, sind wir von der Erreichung dieses Ziels weiter denn je entfernt, wenn nicht gleichzeitig auch die Frage des Klimawandels mit einbezogen wird, der bereits Auswirkungen auf den Zugang der Menschen zu Wasser hat und zu schwereren Dürren und Überschwemmungen führt. Der Anstieg der globalen Temperaturen ist eine der Hauptursachen für dieses Problem und der konkret spürbare Anstieg der lokalen Temperatur ist bereits zum Problem für das Überleben der Menschen in dieser ländlichen Region geworden, so Stadträtin Laura Munkanta. Es muss also lokal deutlich mehr in den Zugang zu Wasser investiert werden.

Oft, wie im Fall des kleinen Staudamms im Bezirk Musawa, braucht es erst mal nicht viel: der Damm müsste erneuert werden, so dass wenigstens das Regenwasser gestaut werden kann. Das hilft aber noch nicht bei der lokalen Versorgung der weiter entfernten Dörfer. Zugang zu Wasser kann nicht bedeuten, dass täglich zehn Kilometer Fußweg in Kauf genommen werden muss, um Trinkwasser zu bekommen. Das ist ein viel größeres, infrastrukturelles Problem, für das vor allem ländliche Gebiete, in denen Dörfer aus weit verstreuten Gehöften bestehen, Lösungen erarbeiten müssen. Wasserleitungen zu jedem Haus oder zu Wasserpunkten, sind aufwändig und teuer, und dennoch unabwendbar, will die Regierung das SDG-Ziel tatsächlich erreichen. „Wir müssen mit den Menschen vor Ort zusammenarbeiten, ihnen zunächst zuhören“, betont Munkanta.

Die neue Regierung unter Hakainde Hichilema hat den Distrikten in seinem kürzlich vorgestellten Haushalt auch deutlich mehr Mittel für mögliche Infrastrukturmaßnahmen zugesichert. Dabei würden Zuweisung stärker dezentralisiert, damit insbesondere die ländlichen Gebiete ihre Prioritäten identifizieren, Budgets aufstellen und die Entwicklungsprogramme durchführen können, die ihnen wichtig sind. Diese Budgetlinie wurde von bisher 1,6 Mio Kwacha auf 25,7 Mio Kwacha (1,25 Mio €) aufgestockt. Eine Chance, aber gleichzeitig auch eine große Herausforderung für die Distriktverwaltungen.

Bei der Gemeindeversammlung unter freiem Himmel – es ist zum Glück später Nachmittag – kommen nicht nur die Chiefs oder Headman/women zu Wort. Männer und Frauen sitzen getrennt auf dem Boden, nur die Gäste haben kleine Holzhocker. Sie warten schon mehrere Stunden auf die Delegation, es ist ihnen wichtig, und unter ihnen sind auch junge Männer und Frauen. Sie sprechen Tonga und kommen demnach von den Ufern des Sambesi, wurden von dort wegen des Kariba-Staudamms umgesiedelt. Sie, die immer vom Fluss gelebt haben, sind jetzt ohne Wasser und ohne Fürsprache. Sie setzen große Hoffnung in die kleine NGO, konnte sie doch schon mal erreichen, dass der Landrat sich die Nöte vor Ort anhört.

Maggie legt Wert darauf, dass besonders Frauen gleiches Rederecht erhalten. Die Versammlung soll weitere Themen, die neben Wasserknappheit den Menschen am meisten unter den Nägeln brennen, herausarbeiten. Dabei werden eine Klinik und eine Schule genannt, denn derzeit müssen die Menschen sieben bis zehn Kilometer laufen, um diese beiden Einrichtungen zu erreichen. Schule allein reicht aber nicht aus, wenn es nach Abschluss keine Jobs für junge Menschen vor Ort gibt. Ganz zentral sei auch die lokale Stromversorgung, denn ohne Handy gibt es keinen Anschluss an die Welt. Für viele Frauen ist die Produktion von Holzkohle, die derzeit für 50 Kwacha (2,50€) besonders an städtische Haushalte verkauft wird, eine der wenigen Einnahmequellen. Doch sie wissen, dass es weder für ihre Gesundheit noch für die Umwelt gut ist, haben aber keine Alternative. Und auch die Menschen aus der Stadt vertrauen nach wie vor auf Holzkohle zum Befeuern der Herde, anstatt auf das sogar günstigere Gas umzustellen. Einkommen schaffende Maßnahmen im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes der ländlichen Entwicklung, sind also dringend notwendig, für Männer und Frauen, jung und alt.

Tag 2: Ingombe Ilende

Mr. Ngoma, der Distriktplaner, sowie zwei weitere Kollegen begleitet uns am zweiten Tag nach Ingombe Ilende. Zwischen Schule und der verwaisten Klinik setzen wir uns unter einen Baum. Hier waren deutlich weniger Gemeindemitglieder anwesend, dafür mehrheitlich offizielle Vertreter:innen. Auch sie gehören der Sprachgruppe der Tonga an und wurden bereits zweimal wegen des Kariba-Damms umgesiedelt, immer weiter weg vom Fluss. Noch unter Kaunda hatten sie Zugang zu Wasser, das über ein Leitungssystem bis zu ihren Siedlungen reichte. Doch seit Jahren ist es nicht gewartet worden, sind die Rohre kaputt, werden geklaut und reichen sowieso für die wachsende Bevölkerung schon längst nicht mehr aus. Vor einigen Jahren hatte eine Hilfsorganisation Brunnen bohren lassen, doch sie musste das Projekt einstellen, weil das Wasser ungenießbar war. Natürlich haben die Menschen es getrunken, sie hatten keine Wahl. Der Schulleiter lässt einige Schüler:innen vortreten und zeigt uns ihre verfaulten Zähne. Uranhaltiges Wasser sei der Grund dafür.

Wir befinden uns hier im Bereich des Uranprojekts Matanga, das aus drei zusammenhängenden Bergbaulizenzen besteht, die sich über 720 km² unmittelbar nördlich des Karibasees in der südlichen Provinz Sambias erstrecken. Das Uranprojekt wird von GoviEx Uranium durchgeführt, einem kanadischen Unternehmen. Die vorläufige wirtschaftliche Bewertung (PEA) des Mutanga-Projekts prognostiziert eine jährliche Produktion von 2,4 Millionen Pfund (Mlb) Tri-Uran-Oktoxid (U3O8) mit einer Urangewinnungsrate von 88 Prozent über die geplante elfjährige Lebensdauer der Mine. Es handelt sich um einen konventionellen, oberflächennahen Tagebau mit Bohr-, Spreng-, Lade- und Förderarbeiten, da die wirtschaftliche Uranmineralisierung innerhalb von 125 m unter der Oberfläche liegt. Was auch erklärt, warum das Grundwasser mit Uranium angereichert und somit nicht für den menschlichen Bedarf geeignet ist. Was aber auch bedeuten kann, dass die Menschen schon wieder in Gefahr sind, von ihrem Land vertrieben zu werden, sollte sich Hichilema an die im Mai 2021 von seinem Vorgänger wieder in Kraft gesetzte Bergbaulizenz für GoviEx Uranium halten.

Noch ist das im Dorf nicht angekommen, denn die realen, täglichen Probleme sind überwältigend. Die Schule hat keine Lehrkräfte mehr, keiner will mehr hier ohne Wasser leben und arbeiten. Klar, dass Familien da ihre Kinder eher Wasser holen als in die Schule schicken. Auch die Klinik wurde wegen der Wassersituation geschlossen. Kranke müssen einen weiten Weg auf sich nehmen, um Hilfe zu bekommen. Die nächste Wasserstelle ist der Siakapo-Damm, der rund zehn Kilometer entfernt ist. Eine stellvertretende Headwoman sagt, Frauen würden sich weigern schwanger zu werden, weil sie nicht in der Lage sind, dann so weite Strecken mit Wasser auf dem Kopf zurückzulegen.

Die Schule vor Ort reicht bis Klasse 8, Kinder, die auf eine weiterführende Schule wollen, müssen 15 Kilometer zurücklegen. Ähnlich gelagerte Probleme wie in Musawa. Auch hier zu wenig Regen, zu wenig Nahrungsmittel. Ein Bauer brachte die Frage nach besserem, angepasstem Saatgut ins Gespräch. Gleichzeitig wird berichtet, dass bei Regen die Straßen unpassierbar sind. Auch eine Folge des Klimawandels: die Extreme nehmen zu.

Während wir den Gemeindevertreter:innen zuhören, sehen wir immer wieder junge Männer mit Fahrrädern vorbeischwanken, hinten befestigt auf jeder Seite des Gepäckträgers ein Zehnliterkanister. „Siehst du das Brackwasser da drin?“, fragt mich Maggie. „Wir fahren jetzt zu der Wasserstelle und schauen uns das an.“

Mit dem Auto sind wir etwa gleich schnell wie die Fahrräder. Die Außentemperatur beträgt mindestens 40° als wir zu der Stelle gehen, die noch eine Rest Wasser enthält. Etwa 6.000 Haushalte holen ihr Wasser aus diesem Damm, der gleichzeitig als Wasserstelle für Kühe, Ziegen und Schweine dient. Überall sind Extremente, das stehende Gewässer ist flach, modrig und auch an tieferen Stellen nicht klar.

Wie nahe wir am Sambesi sind, wird uns erst klar, als wir weiterfahren, um zur Pumpstation zu gelangen. Unterwegs sehen wir überall ausgegrabene Leitungen. Hier scheint repariert worden zu sein, ein etwas größeres Dorf auf dem Weg hat Wasser aus dem Sambesi, wie uns berichtet wird. Doch es reicht nicht bis Ingombe Ilende.

Nicht nur, dass die Leitungen unterbrochen sind, auch das Pumpwerk ist auf ein höheres Niveau des Flusses eingestellt. Vor Ort erklärt uns der für die Wartung Verantwortliche, dass beim Bau der schwimmenden Pumpe der Wasserstand auch bei Niedrigwasser zwei Meter höher war als heute. So kann in der Trockenzeit kein Wasser gepumpt werden. Dies, sowie die Reparatur der Leitungen könnten ein recht einfach zu lösendes Problem sein, wenn die Distrikt-Verwaltung tatsächlich Wasser als Priorität Nummer Eins wahrnimmt und die von der Zentralregierung versprochenen Mittel hier investiert. Hier braucht es politischen Willen und wir versuchen, noch während unseres Aufenthalts in Sambia über Harry Kamboni einen Kontakt zum Abgeordneten des Distrikts, der Minister für Bildung in der UPND-Regierung und ein Parteikollege Kambonis ist, aufzunehmen. Da er außer Landes ist, werden wir den Kontakt weitergeben und hoffen, dass sich für die Menschen in dieser Region etwas bewegt.