Südafrika und die Versöhnungsfrage. Zum Beitrag von Desmond Tutu

Am 26. Dezember starb Desmond Tutu. Als anglikanischer Erzbischof von Cape Town war er einer der bekanntesten Kirchenführer Südafrikas, die den Kampf gegen das Apartheidsregime symbolisierten und koordinierten, vor allem im langen Zeitraum zwischen 1960 und 1990, als die politischen Parteien verboten wurden, ihre Anführer:innen im Gefängnis oder im Exil waren. Desmond Tutu hat die ersten Schritte Südafrikas in die Demokratie begleitet. Über Südafrika hinaus war er einer der unkonventionellsten Kirchenführer:innen seiner Generation. Einige seiner Zitate zu diversen Themen sind legendär.

Desmond Tutu und die Versöhnungsfrage

Es ist viel über Desmond Tutu gesagt und geschrieben worden. Die KASA hat seinen 90. Geburtstag am 13.10. 2021 zum Anlass genommen, im Rahmen einer Tagung zum Thema „9 decades for justice and peace. Contextualising Desmond Tutu“ in Kooperation mit der EKD, der EMW und dem South African Council of Churches (SACC)[1], Tutus Wirken zu reflektieren. Im Vorfeld dieser Tagung hat die VEM eine Broschüre zum gleichen Anlass herausgegeben. In meinem Beitrag zu dieser Publikation habe ich versucht, den wichtigen Beitrag Tutus zum Kampf für die Befreiung Südafrikas vom Apartheidsystems, gegen Kolonialismus und den ihm zugrunde liegenden Rassismus zu würdigen[2]. In diesem Beitrag möchte ich mich auf einen Aspekt konzentrieren, der im Blick auf Tutus Erbe in Südafrika und in Afrika für viele kontroverse Diskussionen sorgt. Ein nicht unerheblicher Teil der Öffentlichkeit wirft ihm vor, für eine billige Versöhnung gestanden zu haben, die letztendlich ein Blankoscheck für die Architekt:innen, Nutznießer:innen und Mitläufer:innen des Apartheidsystems ist, die ihre Privilegien weitergenießen konnten, während die historisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen auch in der demokratischen Ära auf der Verliererseite sind. Ziel dieses Beitrags ist es nicht, Desmond Tutu zu rechtfertigen, sondern ein Stück dazu beizutragen, seinen Einsatz für Versöhnung angemessen einzuordnen und somit auch Dynamiken der südafrikanischen Geschichte, die nicht von seinem persönlichen Wirken abhängen, deutlich zu machen. Ferner soll es darum gehen, die Vorwürfe gegen Desmond Tutu in einen Kontext der Verantwortung verschiedener Phasen der Befreiungsprozesse auf dem afrikanischen Kontinent zu stellen.

Desmond Tutu war Bischof, und sein Versöhnungsbegriff war sehr christlich geprägt und sehr tief verwurzelt in der südafrikanischen und afrikanischen Lebensphilosophie Ubuntu. Das Kairos-Dokument 1985[3], das als das Manifest der Befreiungstheologie südafrikanischer Prägung gilt, hatte sich im Kontext der bedrohlichen Staatsgewalt in Südafrika Mitte der 1980er Jahre mit dem christlichen Konzept der Versöhnung in eben jenem Kontext auseinandergesetzt. Im Kairos-Dokument ist u.a. zu lesen:

„Es gibt Konflikte, die man nur als Kampf zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse, Gott und Teufel beschreiben kann. Hier von Versöhnung zu sprechen, ist nicht nur eine falsche Anwendung des christlichen Versöhnungsgedankens, sondern ein totaler Verrat an allem, was der christliche Glaube je bedeutet hat (…)

(…) Nirgendwo in der Bibel oder in der christlichen Tradition ist jemals der Gedanke aufgetaucht, dass wir eine Versöhnung erreichen sollten zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und dem Teufel. Es ist uns aufgetragen, das Böse, die Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Sünde zu überwinden – nicht uns damit zu arrangieren. Wir müssen dem Teufel Widerstand leisten, ihn konfrontieren und ihn von uns weisen, und nicht versuchen, uns mit ihm an einen Tisch zu setzen (…) In unserer heutigen Situation in Südafrika wäre es völlig unchristlich, für Versöhnung und Frieden zu plädieren, bevor die gegenwärtigen Ungerechtigkeiten beseitigt sind. Jedes derartige Plädoyer spielt dem Unterdrücker in die Hände, indem es versucht, diejenigen von uns, die unterdrückt werden, davon zu überzeugen, unsere Unterdrückung zu akzeptieren und sich mit den unerträglichen Verbrechen, die gegen uns begangen werden, zu versöhnen. Das ist keine christliche Versöhnung, es ist Sünde. Es verlangt von uns, dass wir Komplizen unserer eigenen Unterdrückung werden, dass wir Diener des Teufels werden. Ohne Gerechtigkeit ist in Südafrika keine Versöhnung möglich (…).“

Desmond Tutu war auf Dienstreise in den USA während des Redaktionsprozesses des Kairos-Dokuments und konnte daran nicht mitwirken. Die Koordinator:innen des Kairos-Dokuments hatten überlegt, die Veröffentlichung zu verzögern, damit er es unterzeichnet. Als es bekannt wurde, dass die Apartheidpolizei vom Projekt erfahren hatte und auf der Suche nach Wegen war, zuzuschlagen und die Dokumente zu beschlagnahmen, musste die Veröffentlichung schneller als geplant ohne Desmond Tutu erfolgen. Trotzdem darf man davon ausgehen, dass die im Kairos-Dokument vertretene Auffassung der Versöhnung derjenigen von Desmond Tutu entspricht.

Die Wahrheits-und Versöhnungskommisssion

Genau diese Auffassung vertrat die „Wahrheits- und Versöhnungskommission“, die D. Tutu zwischen 1994 und 1996 geleitet hat und die er als „Inkubationskammer für nationale Heilung, Versöhnung und Vergebung“ verstand. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission hatte drei Hauptaufgaben:

  • umfassende Untersuchungen zu den Ursachen, der Art und dem Ausmaß der zwischen 1960 und 1994 begangenen schweren Menschenrechtsverletzungen einzuleiten und die Schaffung würdiger Plattformen zur Vermittlung für die Opfer und Täter.
  • eine Amnestie für Täter von Menschenrechtsverletzungen, die vor der Kommission aussagen und um Versöhnung bitten zu formulieren
  • Empfehlungen an die Regierung für Wiedergutmachungen abzugeben.

Darüber hinaus sollte die Kommission zur Entwicklung einer grundlegend neuen, mitfühlenden, fairen, gerechten und moralischen Gesellschaft beitragen. Dass diese Ziele nicht erreicht wurden, die Reichen von gestern ihren Reichtum behalten haben und sogar vermehren konnten, während die "Freiheitsdividende" für die meisten Armen darin bestand, weiterhin auf bessere Tage zu hoffen, wie D. Tutu selbst es in einem Rückblick auf die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission ausdrückte, ist nicht ihm anzukreiden, sondern denjenigen, die die politische Verantwortung hatten und heute haben, die Empfehlungen der Kommission umzusetzen. Die Kommission empfahl u.a. eine konsequente Entschädigung der Opfer, eine einmalige Vermögenssteuer als Mechanismus der Umverteilung der Ressourcen und die Verfolgung all derer, denen die Kommission aus guten Gründen die Amnestie verweigerte. Im Blick auf all diese nicht umgesetzten Empfehlungen sprach D. Tutu von „unerledigten Geschäften“ und er verglich Südafrika mit einem Patienten, den die Ärzt:innen so stabilisieren konnten, dass er die Intensivstation verlassen konnte. Aber die Weiterbehandlung auf der normalen Station wurde eingestellt. Die Konsequenzen dieser Nicht-Aufarbeitung der Vergangenheit lassen lässt sich überall beobachten. Die Reproduktion von Gewalt gegen Frauen und Kinder oder gegen die Armen in illegalen Siedlungen und die Arbeiter:innen, wie sie in Marikana in 2012 zu erleben war, und die Verschlimmerung der Ungleichheiten sind nur einige Beispiele. Dafür verantwortlich ist nicht ein naiver Versöhnungsbegriff eines D. Tutu, sondern die Unfähigkeit des ANC, der Südafrika seit 1994 regiert, dem Land eine neue Richtung zu geben.

Den Kampf der ersten Generationen weiterführen: Ein Problem im nachkolonialen Afrika

Im November 2019 veröffentlichte Statistics South Africa (Stats SA) den allerersten Ungleichheitsbericht ( Inequality Trends report), der bestätigte, dass Südafrika das ungleichste Land der Welt ist und versuchte zu erklären, warum die Verhältnisse hier so sind wie sie sind. Der Bericht thematisierte u.a., „dass das Fortbestehen der Ungleichheit in Südafrika ein Vierteljahrhundert nach der formalen Demokratie zu einem großen Teil auf die anhaltenden geografischen Bedingungen der Kolonialzeit und der Apartheid zurückzuführen ist. In den Städten bestimmen die ungleichen räumlichen Gegebenheiten in hohem Maße die Chancen.[4]“ Angesichts der sich verschlimmernden Ungleichheit stimmt der Vorwurf, dass die u.a. von N. Mandela und D. Tutu geprägte Rhetorik einer „Regenbogennation“ realitätsverschleiernd ist. Sie wurde aber als Vision formuliert, zu deren Realisierung von der gesamten Bevölkerung, von Schwarz und Weiß einiges an Opfern gebracht werden musste (müsste?), um die Umverteilung in die andere Richtung zu lenken. Die Politik hatte die Verantwortung, den Rahmen für dieser Umverteilung zu gestalten. Die Regierungspartei ANC hat in einem mit der Zeit immer größer werdenden ideologischen Vakuum in dieser Aufgabe versagt, wobei die Verantwortung zwischen den verschiedenen Administrationen, die Südafrika gekannt hat, differenziert gesehen werden müssen. In einem Kontext drohenden Krieges weißer Extremisten, die den Sicherheitsapparat dominierten, konzentrierten sich N. Mandela und die erste Regierung auf die Stabilisierung und die Abfederung einiger der schlimmsten Erblasten der Apartheid. Viele Sozialleistungen und Programme etwa zum Wohnungsbau wurden eingeführt. In dieser Phase wirkte D. Tutu aktiv mit an der Versöhnungsagenda der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Thabo Mbeki und seine Regierung adoptierten eher neoliberale Konzepte und stellten die Konsolidierung der makro-ökonomischen Rahmenbedingungen in den Vordergrund. Die erhofften Investitionen bleiben hinter den Erwartungen zurück, aber immerhin kam Südafrika aus diesem sparsamen Kurs des Staates bei Beibehaltung sozialer Programme mit konsolidierten Finanzen heraus. Zuma und seine Regierung traten mit der Idee an, die Umverteilung endlich anzupacken. Diese fand leider nur zugunsten von Zuma selbst und einer kleinen Clique statt. Ineffizienz, Korruption, Flügelkämpfe prägten seine Amtszeit so sehr, dass offiziell in Südafrika von einem verlorenen Jahrzehnt die Rede ist. Am Ende seiner Amtszeit war Südafrika wieder verschuldet, von Rating Agenturen runtergestuft, ohne im Blick auf die Umverteilung ein Schritt vorangekommen zu sein. Die aktuelle Regierung der Führung von C. Ramaphosa versucht, die von Zuma hinterlassene politische Krise ebenso wie die Wirtschaftskrise aufzuarbeiten und die schweren Korruptionsfälle aufzuklären. Erschwert wird diese Aufgabe zum einen durch die Corona-Pandemie, die die Wirtschaftsaktivitäten immer wieder zum Erliegen bringt, zum anderen durch die Verstrickungen der Regierungsmitglieder selbst mit den großen Kapitalzentren des Landes.

Es hat in Südafrika nicht an klarer Diagnose und Ideen für eine gerechtere Gesellschaft gefehlt. Dazu hat u.a. die Wahrheits- und Versöhnungskommission beigetragen. Gescheitert ist es an der fehlenden Umsetzung, wobei diese auch Ausdruck eines ideologischen Vakuums der Regierungspartei ist, das im Laufe der Zeit immer offensichtlicher geworden ist. Desmond Tutu hat nicht immer alles richtig gemacht. Seine Stimme wurde z. B. von den Apartheidopfern der Khulumani Support Group gelegentlich vermisst, als es darum ging, den Missbrauch des zugunsten der Apartheidopfer errichteten Präsidialfonds zu verhindern. Dennoch ist es eine Verdrehung der Tatsachen, ihm allein das Scheitern der Versöhnungsagenda anzulasten, zumal er zu den seltensten Kirchenführer:innen gehört, die ihre prophetische Stimme bewahrten. Mit deutlichen Worten warnte er ganz früh gegen die Zuma-Administration. Hätte diese die nicht perfekte Vorarbeit der Vorgängerregierungen aufgegriffen und gezielt korrigiert, würden wir heute in Südafrika eine andere Diskussion führen. Dies gilt auch für andere afrikanische Länder. Oft wurde es versäumt, die guten Impulse der Pioniere der Unabhängigkeit- und der Befreiungsbewegungen fortzuführen, wie ich es am Beispiel der Impulse von Kenneth Kaunda in Sambia darzulegen versuchte[5]. Und es ist falsch, die Verantwortung für die Verhältnisse denen anzulasten, die die Anfänge machten, auch wenn diese fehlerbehaftet waren. Vielmehr sollte man diejenigen in den Blick nehmen, die die Fehler der Anfänge hätten korrigieren können. Oft arbeiteten die Pioniere unter geostrategischen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die deutlich komplizierter waren als die nachkommenden Generationen, die es versäumen, ihre Fehler zu korrigieren und ihre guten Ansätze fortzusetzen.

[1] https://www.kasa.de/kommentiert/detail/9-decades-for-justice-and-peace-contextualising-desmond-tutu/

[2] https://mission-weltweit.de/de/download.html?f=publikationen%2Fdossiers%2Femw-dossier_desmond-tutu_5-2021.pdf

[3] https://kairossouthernafrica.wordpress.com/2011/05/08/the-south-africa-kairos-document-1985/

[4] http://www.statssa.gov.za/publications/Report-03-10-19/Report-03-10-192017.pdf

[5] https://www.kasa.de/kommentiert/detail/kenneth-kaunda-und-sein-erbe-fuer-sambia-und-afrika/